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Lektürenotiz: Paul Nolte, "Hans-Ulrich Wehler. Historiker und Zeitgenosse"

Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) war der bedeutendste Sozialhistoriker der BRD, der in den 60er und 70er Jahren bspw. mit seiner knappen Geschichte des zweiten Kaiserreichs oder seiner Studie über den deutschen Imperialismus und die Entstehung des deutschen Kolonialreiches maßgeblich zur Durchsetzung moderner Strukturgeschichtsschreibung mit Fokus auf Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte in Westdeutschland beitrug, nachdem dort bisher in der Tradition des 19. Jahrhunderts stehende, konservative Politik- und Geistesgeschichte im Vordergrund gestanden war (Beispielhaft dafür Wehlers Mentor Theodor Schieder). Als unbestrittenes Haupt der "Bielefelder Schule" der Geschichtsschreibung wurde Wehler vor allem durch seine monumentale, fast 5000 Seiten starke "Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1700-1990" berühmt, die auch weit außerhalb der Kreise von FachhistorikerInnen begeistert rezipiert wurde. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten trat Wehler ab den 80er Jahren auch immer stärker als öffentlicher Intellektueller auf, der mit seinen journalistischen und essayistischen Texten zu historischen, politischen und gesellschaftlichen Themen prägend für den bildungsbürgerlichen Diskurs in der BRD war, wobei der anfangs als halber Marxist geltende linksliberale SPD-Unterstützer Wehler nach und nach politisch immer weiter nach rechts wanderte und zuletzt mit sarrazinesken islamophoben Ausfällen über die drohende muslimische Bevölkerungsexplosion in Deutschland auffiel. Anfangs noch akademischer Außenseiter im Kampf gegen die traditionelle Ereignisgeschichtsschreibung, avancierten Wehler und seine Bielefelder Schule (Neben Wehler ist vor allem Jürgen Kocka zu nennen) spätestens ab den 80er Jahren zum Mainstream deutscher wissenschaftlicher Geschichtsschreibung - und auch politisch wurden Wehler und Mitstreiter wie Heinrich-August Winkler mit ihrem sozialdemokratisch angehauchten verfassungspatriotischen Liberalismus und ihrer Begeisterung für NATO, EU und außenpolitische Bindung an die USA schließlich eine Art staatstragender Musterhistoriker der modernen BRD.

Zweifellos also eine ziemlich interessante Persönlichkeit, über deren Leben und intellektuelle Entwicklung ich gerade nach Lektüre einiger wehlerscher Werke gerne mehr erfahren wollte. Die biographische Skizze, die Wehlers Schüler Paul Nolte bald nach dessen Tod 2014 schrieb, ist da leider eher eine Enttäuschung. Da ist zum einen der penetrante hagiographische Ton des Textes: Kein Kapitel, in dem nicht Wehlers überragende Bildung, seine literarische Brillanz, sein Mut in der Auseinandersetzung mit verkrusteten akademischen Strukturen, seine besonnene politische Weisheit mit Weihrauch besprengt werden. Nur ganz selten erlaubt sich Nolte mal eine kritische Bemerkung, bspw. über Wehlers Sexismus, seine oft verletzende Arroganz, seine befremdliche späte Wendung zu rechtspopulistischen Positionen bzgl. Islam und Zuwanderung. Zweitens ist der ganze Aufbau des kleinen Buches ziemlich konfus, es gibt weder eine konsequent durchgehaltene chronologische noch thematische Gliederung, das Ganze wirkt eher wie eine lose Anekdotensammlung aus dem Leben des großen Meisters. Drittens bleibt die Darstellung der zahlreichen fachwissenschaftlichen und publizistischen Kontroversen Wehlers mit anderen HistorikerInnen und Intellektuellen recht dünn, Nolte nimmt sich nie die Zeit, mal ausführlich zu erklären, welcher Diskussionsteilnehmer eigentlich genau welchen Standpunkt mit welcher Argumentation vertrat, es bleibt bei Schlagworten, die den Gegenstand der Auseinandersetzung eher erahnen lassen als dass sie ihn darstellen. Die langjährige Fehde mit Wehlers konservativerem Gegenstück, dem von ihm trotz aller Differenzen als gleichrangig anerkannten Thomas Nipperdey ("Deutsche Geschichte 1800-1918" wird bspw. bedauerlich oberflächlich behandelt (Nolte erwähnt immer wieder Nipperdeys wortgewaltige Kritik an Wehlers "Deutscher Gesellschaftsgeschichte", führt aber nicht aus, worin die eigentlich bestand).
Leider ein ziemlich schwaches Buch, das eher Aufschluss über Noltes Ergebnheit dem Lehrer gegenüber gibt als über diesen selbst.

24.5.17 12:29


Lektürenotiz: Karl Kautsky, "Die Klassengegensätze im Zeitalter der französischen Revolution"

Neben Friedrich Engels war Karl Kautsky, nach dem Tod des ersteren bis zum ersten Weltkrieg allgemein als theoretischer "Papst des Marxismus" anerkannt, mit seinen zahlreichen historischen Schriften der wichtigste Autor in der Popularisierung der materialistischen Geschichtsauffassung. Neben Engels' Anti-Dühring und dem "Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" gehörten Kautskys populäre Geschichtsbücher zu den meistgelesenen theoretischen Werken unter sich fortbildenden sozialdemokratischen ArbeiterInnen und trugen sehr viel zur Verbreitung materialistischer Vorstellungen im Geschichtsbild der Öffentlichkeit bei - so viel, dass Kautsky im Vorwort der 1908 erschienenen zweiten Auflage seines erstmals zum hundertjährigen Revolutionsjubiläum 1889 veröffentlichten Büchleins zu den Klassengegensätzen in der französischen Revolution feststellen konnte, materialistische Geschichtsbetrachtung sei mittlerweile so verbreitet, dass es inzwischen weniger um deren bloße Propagierung gehe, sondern eher um ihren Schutz vor Verflachung durch VulgärmarxistInnen. In Bezug auf die französische Revolution bedeute das vor allem, die schematische Vorstellung zu korrigieren, in dieser habe ein einheitlicher reaktionärer Block aus Adel und Klerus einem einheitlichen progressiven Block des dritten Standes gegenübergestanden. Tatsächlich aber seien diese Lager in sich höchst heterogen gewesen, die herrschenden Klassen nicht zuletzt aufgrund ihrer Uneinigkeit und inneren Zersplitterung unterlegen und auch die Bourgeoisie kein homogenes Subjekt gewesen, sondern geteilt in eine sich mit dem ancien regime solidarisierende Elite und eine breite, demokratisch orientierte Mitte und Basis. Kautskys kleines Buch ist nun keine chronologische Geschichte der Revolution, sondern ein essayistisches, skizzenhaftes Porträt der verschiedenen Klassen Frankreichs und innerhalb dieser ihrer Fraktionen und wie deren unterschiedliche sozioökonomische Stellung ihre unterschiedliche politische Positionierung in der Revolution bedingt.
Auch nach knapp 130 Jahren noch eine ganz nette Einführung in die der Revolution zugrundeliegenden Klassenkonflikte, muss man jetzt aber auch nicht unbedingt lesen - besser gleich zu einer umfassenden neueren marxistischen Geschichte der Revolution greifen wie bspw. der großartigen Darstellung Albert Sobouls.
11.3.17 17:36


Lektürenotiz: Barbara Tuchman, "Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert"

Barbara Tuchmans 1978 erschienenes, weit über HistorikerInnenkreise hinaus vielgelesenes Epochenporträt des spätmittelalterlichen Westeuropa ist eine schöne Ergänzung zu Iris Origos Biographie des Prateser Großkaufmanns Francesco di Marco Datini, die ich kürzlich gelesen habe: Während Origo das Europa des 14. Jahrhunderts, seine Geschichte, seine Kultur, sein Alltagsleben und seine Geisteshaltungen am Beispiel eines Exponenten der fortschrittlichen neuen Klasse der urbanen Bourgeoisie porträtiert, wird es bei Tuchman aus der Perspektive eines Repräsentanten der damals schon reaktionär und anachronistisch werdenden Feudalaristokratie nachgezeichnet, nämlich des zu hohen Stellungen am Königshof aufsteigenden französischen Barons Enguerrand VII. von Coucy (1340-1396).
Das 14. Jahrhundert und besonders seine trübe zweite Hälfte sind in der westeuropäischen Geschichte keine besonders erhebende Epoche. Der große Aufschwung des 12. und 13. Jahrhunderts war schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts verebbt, und die große Pest von 1347ff. verwandelte die Stagnation in einen katastrophalen Verfall. Auch nach deren Abklingen wurde es in Westeuropa nicht viel idyllischer: Neue Ausbrüche der Seuche suchten die Bevölkerung heim. Zwischen England und Frankreich brach der verheerende hundertjährige Krieg aus, dessen Kriegsgrund schon bald kaum noch jemand begriff, aber generationenlang einige der bisher fruchtbarsten, reichsten und dichtestbesiedelten Teile Europas mit Verwüstung, Massenmord, Plünderung, Brandschatzung und Verrohung und Abstumpfung der Bevölkerung überzog, für die Gewalt und Terror zur Normalität wurde. Die verzweifelte Bevölkerung erhob sich in gewaltigen Sozialrevolten, die nach kurzem Anlauf aber alle brutal niedergeworfen wurden und einer verschärften Restauration einer überkommenen Sozialordnung Platz machten, in der die sozioökonomisch immer nutzloser und parasitärer werdenden herrschenden Klassen von Adel und Klerus das Land für ihren Luxus und ihre unsinnigen dynastischen Kriege finanziell aussaugten und die Emanzipation der aufstrebenden bürgerlichen Schichten abwürgten. Es ist in Westeuropa eine Zeit der Gewalt und des Niedergangs, eine Epoche ohne erkennbaren Fortschritt, ja sogar des Rückschritts: Als Tuchmans Protagonist am Ende des Jahrhunderts stirbt, ist Frankreich ärmer und schwächer besiedelt als in seiner Kindheit, seine Literatur und Kunst unfruchtbarer, seine Bevölkerung zynischer und desillusionierter.
Und doch ist es ein fesselndes Lektürevergnügen, Tuchman bei ihrem schriftstellerisch brillanten Rundgang durch diese trübe Epoche zu folgen, bei dem das vor allem anhand von Froissarts Chronik rekonstruierte Leben Enguerrand de Coucys und die "Game of Thrones" übertreffenden Bündnisse, Intrigen und Gewalttaten zwischen den aristokratischen Häusern Europas nur überleiten zu kulturhistorischen Exkursen über alle möglichen Aspekte von Leben und Kultur besonders der Feudalaristokratie dieser Zeit, die trotz aller Rivalitäten, Verschwörungen und Kriege doch eine so starke, von Staatengrenzen und Nationalempfinden damals noch kaum berührte Klassensolidarität empfand. Mochten England und Frankreich auch im erbitterten Krieg miteinander liegen - das hinderte französische und englische Ritter nicht daran, sich in den zwischen den Feldzügen liegenden Friedensphasen zu gemeinsamen Turnieren zu treffen und mit eben "ritterlicher" Hochachtung zu behandeln. Es hinderte den französischen Baron und königlichen Berater Coucy nicht, die Tochter des englischen Königs zu heiraten. Es hinderte den französischen König nicht, einen Trauergottesdienst abzuhalten, als einer der wichtigsten, Frankreich mit schrecklichen Verheerungen heimsuchenden gegnerischen Feldherren an einer Krankheit starb. Es hinderte beide Seiten nicht, gefangengenommene Ritter der jeweils anderen Seite großzügig als respektierte Gäste zu beherbergen, bis ihre Lösegeldzahlung eintraf und sie wieder nach hause gehen durften (Der Gedanke, einen gefangenen Ritter der Gegenseite zu töten war unvorstellbar, und ihn auch nur ins Gefängnis zu werfen verstieß so sehr gegen den aristokratischen Ehrenkodex, dass französische Adlige höchst empört über die Ehrlosigkeit ihres Königs waren, einen gefangenen englischen Kommandanten zu inhaftieren). Aber das war eben kein allgemeines humanes Empfinden, sondern eine enge Klassensolidarität: Mochten Respekt und Ehrerbietung gegenüber Aristokraten anderer Reiche obligatorisch sein, so waren diese Aristokraten sich alle einig in ihrer Verachtung der bäuerlichen Massen, die sie als normales Mittel der Kriegführung ausraubten und ermordeten, ohne darin auch nur irgendein Vergehen zu sehen, und wo es zu bäuerlichen (Oder, in den entwickeltsten Regionen, auch schon bürgerlichen und sogar proletarischen) Aufständen kam, waren Ritter aller Kriegsparteien sich sofort einig, diese gemeinsam in Blut zu ersticken. Wie der übersteigerte ritterliche Ehrenkodex gerade in einer Zeit seine höchste Stufe erreichte, in der die Feudalaristokratie zu einer reaktionären, erstarrten, anarchronistisch werdenden Klasse wurde - das wird bei Tuchman sehr gut greifbar.
Ein wundervolles, sehr informatives und gleichzeitig unterhaltsames Buch, ein tolles Beispiel lebendiger Geschichtsvermittlung, die eine Epoche in ihrer Totalität begreiflich macht.
10.3.17 10:15


Lektürenotiz: Jacques le Goff, "Das Hochmittelalter" (Fischer Weltgeschichte Band 11)

Den elften Band der Fischer Weltgeschichte, der die Entwicklung West- und Mitteleuropas zwischen dem spaeten 11. und fruehen 14. Jahrhundert skizziert, verfasste der 2014 verstorbene grosse franzoesische Mediaevist Jacques le Goff, einer der Koepfe der "Annales"-Schule, mit der in der europaeischen Geschichtsschreibung endgueltig die strukturgeschichtliche, auf Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung fokussierte Geschichtsdarstellung die personenzentrierte Ereignisgeschichtsschreibung verdraengte. Darum muss der Stoff aber keineswegs trocken werden, im Gegenteil: Goff, der versucht, alle wesentlichen Lebensaspekte des hochmittelalterlichen Europa einzufangen, liefert mit anschaulichen Kapiteln ueber politische Entwicklung, Demographie, Landwirtschaft und technische Entwicklung, religioese Ideen und Entwicklungen, Architektur, Kunst, Literatur und Philosophie ein fesselndes Epochenportraet der mittelalterlichen europaeischen Kultur in ihrer Bluetephase vor der Krise des 14. Jahrhunderts, wobei mir besonders die Kapitel zur theologischen und philosophischen Entwicklung dieser Zeit,die sich von der fruehmittelalterlichen Dogmatik zu trennen und wieder eigenstaendig zu denken beginnt, gut gefielen. Schoenes, lohnendes Buch.
4.3.17 08:59


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