Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Letztes Feedback
   2.09.17 05:50
    Sugestões de como Lucrar
   2.09.17 13:30
    Uhwefwi ufhweifhw wnfjwe
   2.09.17 13:30
    Bfhuwe fwbihfwei wbfeihf
   3.09.17 00:50
    Uhwefwi ufhweifhw wnfjwe
   3.09.17 01:04
    Bfhuwe fwbihfwei wbfeihf
   3.09.17 18:36
    Esta é uma das marcas qu



http://myblog.de/blog-proleter

Gratis bloggen bei
myblog.de





Ein Nachmittag in Istanbul

Der Frequenz meiner Beiträge zum Thema wird man wohl anmerken, dass bei allen Ängstlichkeiten Flugverkehr für mich schon eine faszinierende Sache ist - die einem bspw. einen Tag wie den gestrigen ermöglicht, an dem ich in Mumbai frühstücke, den Nachmittag damit verbringe, Istanbul zu durchwandern und am Abend in Wien schlafengehe.
Istanbul hat mich gestern ziemlich beeindruckt. Ich war dort ja schon, wenn ich mich richtig erinnere, vier mal, bisher immer mit Zug und Bus, allerdings das letzte mal im Sommer 2012, und es war ein frappierendes Erlebnis, wie eindrücklich sich die Stadt in diesen nicht einmal fünf Jahren weiterentwickelt und verändert hat. Da ist einmal die drastische Veränderung der Skyline (Oder eher der Skylines, denn das polyzentrische Istanbul hat ja ein halbes Dutzend über das riesige Stadtgebiet verteilter Geschäftsviertel) durch die in diesem Zeitraum gebauten hunderten neuen modernen Hochhäuser, die Istanbul mittlerweile zur hochhausreichsten Stadt Europas machen dürften. Noch eindrücklicher ist aber der kumulierte Eindruck unspektakulärerer kleinerer Bau- und Infrastrukturmaßnahmen in der ganzen Stadt. Ein Beispiel: Bei meinem ersten Türkeibesuch (Das war, glaube ich, 2009) gab es in Istanbul zwar desöfteren kleinere Supermärkte, die aber in Angebot, Präsentation und technischer Ausstattung nicht mit einem westeuropäischen Vollsortimentsupermarkt vergleichbar waren, eher ein Mittelding zwischen Tante Emma-Laden und richtigem Supermarkt bildeten. Bei meinem bisher letzten Istanbul-Aufenthalt 2012 sah ich zum ersten mal moderne, westlichem Standard entsprechende Carrefour-Vollsortimentsupermärkte, aber die waren noch selten. Als ich nun gestern stundenlang durch die Stadt spazierte, sah ich überall moderne, große Supermärkte, und zwar nicht nur von Carrefour, sondern auch anderen Ketten und jede Menge aus Westeuropa vertrauter, noch vor einigen Jahren in der Türkei aber nicht vertretener anderer Läden, Real, Rossmann, Deichmann usw. - es scheint, dass die Struktur des Einzelhandels zumindest in türkischen Großstädten innerhalb von weniger als einem Jahrzehnt völlig umgeworfen wurde und sich westlichem Standard angeglichen hat, ja man mehr und mehr dieselben Läden wie in einer deutschen oder österreichischen Fußgängerzone sieht (Das ist besonders eindrücklich, wenn man gerade aus Indien kommt, wo auch in einer großen Wirtschafts- und Finanzmetropole wie Mumbai das Aufkommen großer, moderner Vollsortimentsupermärkte gerade die ersten Schritte macht und richtige Supermärkte westlichen Stils seltene Sehenswürdigkeiten sind, zu denen man bewusst einen Ausflug planen und kilometerweit anreisen muss, wo Läden mit Selbstbedienung ganz selten sind und die Nahversorgung überwiegend aus winzigen, familiengeführten Kiosken in dürftigen Verschlägen besteht).

Ein anderes Beispiel: Bei meinem ersten Istanbulaufenthalt gab es flächendeckend gepflegte, saubere Hausfassaden eigentlich nur auf Hauptgeschäftsstraßen und in Tourigegenden, während es in den normalen Wohnvierteln eher trist und oft verwahrlost aussah. Diesmal habe ich sowas kaum gesehen, obwohl ich nicht nur in der Altstadt war, sondern auf der U-Bahnfahrt auch einmal in einer Zufallsstation in einem ganz normalen Wohnviertel ausgestiegen bin, um mir die Gegend ein bisschen anzuschauen. In den letzten Jahren müssen in Istanbul zehntausende Fassadensanierungen stattgefunden haben, die allermeisten auch ganz normalen, günstigen Beton-Mietblöcke der 50er-80er Jahre, die das Istanbuler Stadtbild so sehr prägen, haben jetzt saubere, gepflegte, modernisierte Fassaden. Die kleinteilig bebauten Seitenstraßen in der Nähe des Taksim haben sich von einem halb slumartig aussehenden Viertel in eine saubere, moderne Einkaufs- und Ausgehgegend verwandelt (Was freilich mit massiver Gentrifizierung und Vertreibung von AnwohnerInnen einherging). Auch andere Dinge wie der verbesserte, einer ärmeren deutschen Großstadt eigentlich nicht mehr nachstehende Zustand der Straßen oder die auch in normalen Wohngegenden auffallende Sauberkeit des öffentlichen Raums fielen ins Auge, wieder insbesondere nach einem Aufenthalt in Indien mit seinen katastrophal schlechten Holperstraßen und seinen wie riesige Mülldeponien aussehenden Großstädten.
Bei meinen ersten Aufenthalten dominierten in mir die Eindrücke des in Istanbul im Vergleich zu westlichen Städten Fremden. Diesmal im Gegenteil die Empfindung, wie frappierend vertraut und europäisch die Stadt (mittlerweile) wirkt, wenn man gerade aus einer tatsächlich total fremdartigen Welt wie Indien zurückkehrt. Auf der langen U-Bahnfahrt vom Flughafen in die Altstadt, bei der man recht viel zu sehen bekommt, weil zumindest diese Linie fast durchweg oberirdisch verläuft, habe ich Gegenden gesehen, die auf den ersten Blick auch ohne Weiteres im Ruhrgebiet oder in irgendeiner nordfranzösischen Industriestadt stehen könnten, und das kühle, bewölkte Wetter mit kahler Vegetation passte ebenfalls gut ins Bild. Als ich zum ersten mal in Istanbul war, empfand ich die Stadt, die ja immerhin vergleichbar groß wie die urbane Hölle Mumbai ist, schon nach ein paar Tagen als einen erdrückenden Moloch, aus dem ich lieber wieder weiterreisen wollte. Diesmal kam mir die Stadt wirklich angenehm vor, riesig, vielgestaltig und abwechslungsreich, aber ziemlich hochentwickelt, angenehm zum Flanieren und sehr sicher, mit einer Bevölkerung, die ganz und gar nicht wie das wirkt, was Erdogan und seine reaktionäre Provinzclique sich als anständige Untertanen wünscht, sondern in Kleidung und Verhalten (Küssende und schmusende junge Paare in der U-Bahn, die allermeisten jungen Frauen ohne Kopftuch und sogar ein als solches erkennbares homosexuelles Paar in einer belebten Einkaufsstraße trotz aller AKP-Sittenwächterei) nicht viel anders als die Bevölkerung irgendeiner westeuropäischen Großstadt wirkt. Nett ist auch, dass das Einkaufen in der Türkei durch die aktuelle Schwäche der Lira für ausländische Reisende gerade sehr billig ist, ich habe die Gelegenheit gleich genutzt, mir etwas Geld in Lira abzuheben und einige Einkäufe für Wien mitzunehmen.

Jedenfalls habe ich gerade große Lust, mir die bemerkenswerte Transformation Istanbuls bald mal länger anzuschauen und mal wieder dorthin zu reisen, was bei diesem Lirakurs momentan ja auch für sehr wenig Geld geht, und mit meiner halbwegs unter Kontrolle gebrachten Flugangst muss ich auch nicht mehr zwei Tage lang mit Bussen und Zügen den Balkan durchqueren, sondern kann in zwei Stunden für wenig Geld hinfliegen.

4.3.17 08:48


Ein Monat Indien

Zeit für ein kleines Fazit meines knappen Monats in Indien.
Eine Erfahrung muss nicht schön sein, um interessant zu sein. Die Zeit in Indien war sogar sehr interessant - aber schön, ein angenehmes Reiseerlebnis? Das eher nicht. Im Grunde habe ich mich an keinem einzigen Tag dieser dreieinhalb Wochen wirklich wohlgefühlt. Das geht zu einem erheblichen Teil auch einfach auf triviale physische Faktoren zurück. Da ist erstens die Hitze. Während ich wenig kälteempfindlich bin, komme ich mit Hitze körperlich sehr schlecht zurecht, bei Temperaturen ab etwa 30 Grad fühle ich mich unwohl, ab etwa 35 Grad ist mir jeder längere Aufenthalt im Freien eine Quälerei und stelle ich fast alle nicht absolut notwendigen Aktivitäten ein. Nun war mir natürlich klar, dass ich in Südindien auch im Februar mit hohen Temperaturen würde rechnen müssen. Aber normalerweise liegen die Maximaltemperaturen in dieser Zeit bei etwa 30 Grad, eine für mich schon etwas unangenehme, aber zu verkraftende Temperatur. Dieses Jahr war allerdings kein meteorologisch normales Jahr, sondern brachte Südindien den heißesten Februar seit 51 Jahren mit auch für diese Region völlig abnormen, bis knapp zehn Grad über dem durchschnittlichen Temperaturmaximum liegenden Werten. Und so herrschte an fast jedem Tag meines Aufenthalts eine Backofenhitze von etwa 35-40 Grad im Schatten, bei der einem bei einem Spaziergang außerhalb des Schattens ein Hitzschlag droht, man nach ein paar Tagen Sonnenbrand bekommt, einem die Kleider ständig vor Schweiß am Körper festkleben, man zur wandelnden olfaktorischen Einladung für die hundert Fantastillionen Mücken der Umgebung wird und ständig eine Tasche voller schwerer Wasserflaschen mitschleppen muss, um es überhaupt längere Zeit draußen aushalten zu können. Dazu kam, dass ich nach einigen Tagen eine sich hartnäckig hinziehende, in eine Bronchitis übergehende Erkältung bekam (Ausgerechnet: Nicht vor der Abreise im nasskalten Wien, sondern erst im südindischen Hitzeinferno), die mich den Rest der Reise hindurch begleitete. Während des größten Teils der Zeit fühlte ich mich also kränklich und fiebrig in ununterbrochen vom Himmel brennender extremer Hitze, kurz: Es ging mir fast während des ganzen Urlaubs körperlich ziemlich übel. Sowas drückt die Stimmung herunter und färbt alle anderen Eindrücke stark negativ ein.

Und Indien ist ein Land, an solchen Eindrücken nicht zu knapp. Da ist die urbane Hölle seiner Großstädte, mit ihrem dystopischen, abstoßenden Erscheinungsbild aus riesigen Slums, kaputten Straßen, Müllhaufen überall, Kühen, Ziegen und Hühnern überall auf den Straßen samt ihren kräftig riechenden Fäkalien, mit ihrer krassen Überfüllung, die so etwas wie ruhiges Spazierengehen unmöglich macht, mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm, mit ihrem ständigen Taumeln am Rand des Verkehrskollaps, bei dem die Überquerung jeder Straße als Fußgänger zum riskanten Geduldsspiel wird, und mit ihrer verpesteten, abgas- und staubgeschwängerten Luft, bei der man sich abends nach einigen Stunden im Freien eine ölige Dreckschicht aus Schweiß, Staub und Ruß aus dem Gesicht kratzen kann, mit ihrem deprimierenden, bis auf den letzten Quadratzentimeter zubetonierten, klaustrophobischen Stadtbild praktisch ohne Parks, ohne Freiflächen, ohne Brunnen, ohne Sitzbänke, ohne alles, was den Aufenthalt in einer Stadt angenehm machen könnte. Da ist die omnipräsente krasse Armut, die einen beklemmt, die Masse an Obdachlosen, die in dieser grauenhaften Szenerie am Rand einer lärmenden und stinkenden Stadtautobahn einfach auf einem Müllhaufen oder im Staub schlafen, während tausende PassantInnen gleichgültig vorbeigehen und über sie drüberhüpfen. Da ist der Eindruck, diese klaustrophobische Überfüllung der Städte mit ungeheuren Menschenmassen in gedrängtester, quälendster Enge in Elend und Dreck und das damit einhergehende völlige Fehlen von so etwas wie Privatsphäre und Diskretion müsse doch, wenn man dort lebt, das Bewusstsein für menschliche Individualität und den Wert des einzelnen Menschen abstumpfen - im Gedränge der sardinenbüchsenartig verstopften indischen Städte wirken auch Menschen irgendwann wie eine beliebig austauschbare, nur noch quantitativ zu erfassende Masse, die Szenerie ist unmenschlich in einem erschütternden Sinne, der darüber hinausgeht, dass es da einfach trist ist. Und da ist, um diesen Eindruck noch zu verschärfen, der ständige Kontrast zwischen den ziemlich bis extrem armen und elenden Massen und einer Minderheit bürgerlicher Gewinner der ökonomischen Liberalisierung Indiens, die ihren Reichtum völlig ungeniert neben der schlimmsten Armut zur Schau stellen, da stehen luxuriöse moderne Appartementhochhäuser mit gepflegten, schönen Gartenanlagen, mauerumwehrt und von bewaffneten Sicherheitsleuten gegen die umgebende Bevölkerung bewacht, direkt neben den übelsten Slumgegenden mit Unterkünften aus blauen Plastikplanen, Wellblech oder Bambus. Überhaupt die Omnipräsenz dieser Heerscharen uniformierter und bewaffneter privater Securities vor allem, was zur Lebenssphäre des Bürgertums gehört, vor jeder Bankfiliale, vor jedem der seltenen modernen Supermärkte, vor jedem besseren Wohnhaus. Die herrschende Klasse streckt dort den Massen so völlig unverblümt und offen den Mittelfinger entgegen, wie ich es noch nirgends so krass gesehen habe, und ruft ihnen dabei zu "Dieses Land gehört UNS und sonst keinem, und wenn ihr das auch nur einen Augenblick vergessen solltet, gibts aufs Maul!"

Da ist die ständige Erinnerung daran, dass Indien nicht einfach ein normaler kapitalistischer Nationalstaat mit dessen Klassenscheidungen ist, sondern die abgesehen vom IS vielleicht widerwärtigste Gesellschaftsordnung der Welt hat mit seiner immer noch von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierten hinduistischen Kastenordnung, die sich sehr gut verträgt mit den neuen kapitalistischen Verhältnissen und diese noch in einer Weise verstärkt, dass die unterdrücktesten Schichten nicht bloß von der herrschenden Klasse verachtet, sondern als Untermenschen betrachtet werden, die nun einmal in Dreck und Elend dahinvegetieren müssen, weil ihnen das der göttlichen Ordnung nach unabänderlich so bestimmt ist. Die Kasten waren ja in ihrem Ursprung ethnisch definiert, und durch die strikte Segregation voneinander hat sich dieser Zug bis heute erstaunlich stark erhalten: Indien ist ein Land, in dem die Oberschicht wirklich körperlich deutlich anders aussieht als die Unterschichten - in den Reichenvierteln sind die meisten Leute auf den Straßen ziemlich hellhäutig, relativ großgewachsen und oft wohlbeleibt, in den Slums ist die Bevölkerung dagegen überwiegend sehr dunkelhäutig, sehr dünn bis deutlich unterernährt und durch die Unterernährung in der Wachstumsphase des Körpers auch tatsächlich wahrnehmbar kleiner. Und diese physischen Merkmale werden bewusst als Ausdruck der sozialen Stellung rezipiert, indische Frauen, die der Oberschicht angehören oder so wirken wollen, schminken sich oft, bis sie heller als NordeuropäerInnen aussehen, und Karriere als Bollywoodstar kann man eigentlich nur machen, wenn man für indische Verhältnisse sehr hellhäutig ist oder zumindest so umgeschminkt wird - kaum ein Bollywoodfilm, in dem die SchauspielerInnen nicht entsprechend bearbeitet werden, bis sie wie EuropäerInnen aussehen. Ein dunkelhäutiger Dalit wäre nicht nur als Filmstar kaum denkbar, ein klassen- und kastenbewusster indischer Bonze würde sich schon beim Gedanken ekeln, ihm auch nur die Hand geben oder im selben Raum mit ihm essen zu müssen. Und in der Tat sind indische Städte sehr deutlich sichtbar sozial und ethnisch segregiert, wie denn auch die Kastengliederung eine nicht nur soziale, sondern auch quasi-rassistische Ordnung ist, die die dunkelhäutigsten Teile der Bevölkerung als Untermenschen qualifiziert, mit denen jeder Kontakt verunreinigend und entehrend ist. Und daneben die Segregation zwischen hinduistischer Mehrheit einerseits, muslimischer Minderheit andererseits, die ebenfalls scharf abgetrennt in eigenen Vierteln lebt, meistens den schlimmsten Slums der Stadt, wo das Leben noch trister und elender als sonst ist. Und ganz zu schweigen von der extremen Frauenverachtung, die Hinduismus wie Islam (Der in Indien offensichtlich stark islamistisch geprägt ist - in den muslimischen Slums Mumbais sah ich fast nur verschleierte Frauen, es gibt viele Niquab- und Burkahändler, bei den Straßenhändlern kann man IS-Flaggen und salafistische Literatur kaufen) im Land propagieren und die man schon am so krass männlich dominierten Bild des öffentlichen Raums spürt: Besonders in den ärmeren Vierteln bekommt man, wenn man durch die Straßen geht, manchmal den Eindruck, als würde die indische Bevölkerung fast nur aus Männern bestehen, die sich wohl irgendwie durch Zellteilung fortpflanzen - die Frauen der Familie sitzen also wohl in die eigenen vier Wände gebannt zuhause. Beim Goa-Festival, das wir in Anjuna besuchten, waren am Abend, als ich dort war, von ein oder zwei Ausnahme abgesehen ALLE indischen Besucher Männer, die anwesenden Frauen waren nahezu alle ausländische Touristinnen - dass Frauen feiern gehen, und noch dazu ohne männlichen Begleiter, ist offensichtlich für den Großteil der indischen Bevölkerung eine schockierende Vorstellung.

Und viel idyllischer fand ich es auf dem Land eigentlich auch nicht. Ja, sicher, die Badestrände in den von der lokalen Bevölkerung mehr (Gokarna) oder weniger (Goa) abgetrennten Touri-Ghettos an den schönsten Küstenabschnitten waren hübsch, die bizarren Felsformationen in Hampi oder leuchtend grüne Reisfelder mit Bananenwäldchen und Kokospalmen ebenso, aber den Großteil der Landschaft empfand ich zumindest jetzt in der Trockenzeit als traurig und bedrückend, diese endlosen, monotonen Ebenen aus ausgetrockneter, verbrannter roter Erde ohne einen Wassertropfen und ohne frisches Grün, wo nicht bewässert wird mit Ausnahme einiger ledriger immergrüner Pflanzen, die sich an dieses wüstenähnliche Klima angepasst haben (Also, es gibt schon auf den ersten Blick dschungelartige Wälder, aber in der Trockenzeit ohne Bodenbewuchs, unterhalb der Baumkronen ist alles kahl, leer und ausgebrannt). Es gibt ja oft so einen auf Landschaften bezogenen Exotismus, dass Leute eine Landschaft umso reizvoller finden, je fremder und weiter entfernt sie ist - sowas empfinde ich nicht. Im Gegenteil ist mir gerade beim Anblick dieser für mich tristen, monotonen, vertrockneten, ungeschlachten indischen Durchschnittslandschaft klargeworden, wie wunderschön ich eigentlich Mittel- und Westeuropa mit seiner über 1000-2000 Jahre ausgearbeiteten Mischung aus Natur- und Kulturlandschaft mit feiner filigraner Gliederung finde, in der fast jedes durchschnittliche Stück französischer, schweizerischer oder süddeutscher Landschaft wie ein kunstvoll angelegter, abwechslungsreicher Garten aussieht. Überhaupt war das ein während meines Aufenthalts in Indien ganz starkes, immer präsentes Gefühl: Das Bewusstsein, wie wunderschön Westeuropa eigentlich ist, mit seinen herrlichen, gepflegten, sauberen, lebenswerten Städten, mit seinem milden Klima, mit seinen sanften, wie von einem Landschaftsgärtner angelegten Landschaften, mit seiner sauberen Luft und seinem von Smog- Dunst- und Staubglocken (meistens) freien reinen Himmel. Nach Indien zu reisen bereitet einem nicht nur einen argen Kulturschock, es ist auch in fast allem anderen eine Art Antipode Westeuropas, der einen verzaubern mag, wenn man auf exotistische Romantik steht, aber erschreckend und beklemmend ist, wenn man das Leben im Westen eigentlich sehr mag. Und so ging es mir, ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, nicht einfach an einem reizlosen (Was Indien auf seine Art keineswegs ist), sondern an einem erschreckenden Ort zu sein, in irgendeiner dystopischen Gegenwelt, in der alle schlimmen Seiten der Welt moderner bürgerlicher Gesellschaften gebündelt, alle ihre schönen und lebenswerten Züge aber entfernt sind. Und auf dem Land mag es zwar durch die weniger arge Vermüllung, Luftverschmutzung und Überfüllung sinnlich weniger unangenehm als in den Städten sein und musste ich mir weniger oft als in Mumbai innerlich sagen "Ich will woanders sein, ich will woanders sein, ich will woanders sein...", aber die gesellschaftlichen Verhältnisse sind dort ja noch viel schlimmer, dort ist die Kastenordnung oft noch ziemlich intakt, haben Frauen nicht einmal die begrenzten Freiheiten, die sie in einer Stadt wie Mumbai besitzen, ist die Geltung der hinduistischen oder islamischen Religion mit ihren ganzen idiotischen Geboten und der von ihnen bewirkten scharfen gesellschaftlichen Segregation noch viel unangetasteter (Wie ich überhaupt kaum jemals irgendwo so lebhafte antireligiöse Aufwallungen hatte wie in Indien, wo die beiden größten Religionen auf die Masse ihrer AnhängerInnen einfach nur einen durchweg reaktionären, bösartigen Einfluss ausüben und irgendwelche sich in irgendeiner Weise aufgeklärt und progressiv darstellenden Strömungen innerhalb dieser Religionen offensichtlich nur als ganz kleine Minderheitsphänomene existieren. In einem Land wie Indien, in dem es der Öffentlichkeit scheißegal ist, wenn Dalits im Dreck verrecken, es aber einen Aufstand gibt, wenn einer eine heilige Kuh respektlos behandelt, wäre es für eine sozialistische Regierung nicht wie in Europa ein wenig bedeutender Nebenkriegsschauplatz, sondern eine elementare Hauptaufgabe, den gesellschaftlichen und geistigen Einfluss der Religionen energisch zu zerbrechen als Voraussetzung gesellschaftlicher Entwicklung).

Darum sei noch einmal gesagt: Ich streite keineswegs ab, dass der Monat in Indien eine überaus interessante und anregende Erfahrung war, die mir sehr viele Denkanstöße und eindrückliche Erlebnisse bescherte. Aber es war keine schöne Erfahrung, es erfüllte mich mit Erleichterung, schließlich wieder nach Europa zurückkehren zu können (Und ich fühlte mich sehr, sehr glücklich, als ich beim Zwischenhalt in Istanbul endlich wieder in einer ziemlich westlich wirkenden - und kühlen, ohne Verbrennungen erwanderbaren! - Stadt war) - dort auch nur noch einige Wochen länger bleiben zu müssen hätte mir schwer zu schaffen gemacht. Es ist ein für WesteuropäerInnen sehr fremdartiger (Viel fremdartiger bspw. als die arabische Welt, die ja in einer jahrhundertelangen Wechselbeziehung mit Europa stand und ein merkliches Stück vertrauter wirkt) und damit in seiner Weise sehr interessanter Ort - aber keiner, an dem ich allzu gern noch einmal sein würde.

4.3.17 08:47


Lektürenotiz: Wolfgang Leonhard, "Die Reform entlässt ihre Väter"

Der Renegat Wolfgang Leonhard, bis in die 50er Jahre Kommunist und dann aus Enttäuschung über den Stalinismus schließlich liberaler Antikommunist geworden und berühmt für seinen autobiographischen Bericht "Die Revolution entlässt ihre Kinder" über seine Abkehr vom Stalinismus, war, als er 1994 dieses Buch über die Zeit der Perestroika und der kapitalistischen Restauration in Russland schrieb, schon längst bürgerlicher Antimarxist geworden, der der Zerstörung der Sowjetunion und ihrer Auflösung in kapitalistische bürgerliche Nationalstaaten applaudierte. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch eine erhellende Lektüre, bei der MarxistInnen einfach die Bewertungen umdrehen müssen: Was Leonhard als Verdienst lobend an Gorbatschow und seiner Clique herausstellt, sind eben deren ärgste Fehler und Verbrechen.
Was Gorbatschow selbst angeht aber anfangs eher Fehler, wie das Buch mein Bild Gorbatschows ohnehin etwas verschoben hat. Gorbatschow war keineswegs ein prinzipientreuer, zielstrebiger Antikommunist, der mit dem Vorsatz angetreten wäre, die Sowjetunion aufzulösen und eine kapitalistische Restauration durchzuführen. Leonhard zitiert aus nicht zur Veröffentlichung bestimmten Notizen Gorbatschows, in denen dieser eine fast trotzkistisch anmutende Kritik der stalinistischen Bürokratie formuliert: Vorbild müsse die leninistische Sowjetunion sein, die nach Lenins Tod in die Hände Stalins und seiner Bürokratenclique fiel, die für die Erstarrung und Reformunfähigkeit des Systems sorgte, die Massen entmündigte und damit vom System entfremdete. Um ihren Verrat an den leninistischen Prinzipien zu kaschieren, habe Stalin, der nur ein Maskottchen der Bürokratie und eine ganz mittelmäßige, untalentierte Figur gewesen sei, in den Säuberungen der 30er Jahre alle alten Kommunisten ausrotten müssen, die an den Charakter der leninistischen Sowjetunion hätten erinnern und ihn diskreditieren können. Um aus der Sackgasse der verknöcherten Bürokratenherrschaft herauszukommen, müsse man das sowjetische System - damals noch im Rahmen der Planwirtschaft gedacht - demokratisieren und die Massen wieder in seine Lenkung einbinden, etwa durch Wiederbelebung der nur noch als dekorative Formalität existierenden Sowjets. Gorbatschow verstand in der Anfangsphase seiner Amtszeit seinen Kampf gegen die erstarrte Parteibürokratie offensichtlich als eine Initiative von LINKS und nicht von rechts. Charakteristisch aber für Gorbatschow, wie er in Leonhards Buch erscheint, war seine außerordentliche Schwäche, Manipulierbarkeit, Unbeständigkeit und das Fehlen dauerhafter Prinzipien, das Haschen nach Popularität, für das er seine Ideen regelmäßig völlig umwarf, ohne seine eigene Kehrtwende so recht als solche zu begreifen. Der schon 1987/88 führende, populärste Kopf der echten Antikommunisten war Boris Jelzin, von Gorbatschow zuerst protegiert, dann erschreckt fallengelassen, als ihm klar wurde, dass der das sowjetische System nicht etwas modernisieren, sondern in Stücke schlagen wollte und damit große Widerstände in der Partei auslöste. Der von Gorbatschow ausgelöste Prozess von Glasnost und Perestroika entglitt ihm nämlich bald und nahm Formen an, die ihn selbst beunruhigten: Der Versuch einer Reform des Systems hatte Kräfte in Partei und außerhalb freigesetzt, die auf dessen Zerstörung zielten - mitten in der KPdSU und ihren Tochterorganisationen bildete sich eine ständig wachsende, offen antikommunistische Opposition aus. Als Gorbatschow klar wurde, dass sein Kurs in Richtung Ende der Sowjetunion führen würde, riss er das Ruder wieder für eine Weile herum, fuhr Glasnost und Perestroika herunter, servierte Jelzin ab und näherte sich wieder stramm stalinistischen, jelzinfeindlichen Kadern an. Aber auch das war wieder nur eine kurze Phase: Als Größe und Einfluss der unabsichtlich von ihm selbst freigesetzten antikommunistischen Opposition immer mehr zunahmen und sich abzeichnete, dass diese Fraktion wohl siegen würde, warf er wieder alles über den Haufen, versuchte Jelzin von rechts zu überholen und sich als Haupt dieser Bewegung zu präsentieren. Höhepunkt dieses Verrates war, nach vielen kleineren Schritten, der 1990 beschlossene Schatalin-Plan, benannt nach Gorbatschows federführendem Berater Stanislaw Schatalin. Zum Inhalt dieses Schatalin-Plans zitiere ich Leonhard:

"Die Schatalin-Kommission legte am 1. September 1990 einen 600 Seiten starken Programmentwurf vor, der die Erlangung der "wirtschaftlichen Freiheit der Bürger" als Hauptziel nannte. Das Programm sah, beginnend am 1. Oktober 1990, vier Etappen vor, an deren Ende etwa 70% der Unternehmen nicht mehr in staatlichem Besitz sein sollten. In der Vorbereitungsphase von hundert Tagen war ein gemeinsames Wirtschaftskomitee der Unionsrepubliken zur Koordinierung der Reform geplant. Dieses sollte direkt mit der Einleitung der Rechtsreform für die Umwandlung zur Marktwirtschaft beginnen. Jeder Bürger sollte nun das verbriefte Recht auf Privateigentum und freie Unternehmertätigkeit erhalten. Staatsbetriebe und Kolchosen seien in großem Maßstab zu privatisieren. Eine gleichzeitige Bodenreform sollte jedem Kolchosmitarbeiter den Austritt aus dem Kolchos und den Erwerb von Privatbesitz an Land ermöglichen. Das wachsende Haushaltsdefizit sei durch eine strikte Geldpolitik und eine deutliche Ausgabenbeschränkung der Union, vor allem durch Einsparungen um zwanzig Prozent im Verteidigung- und KGB-Etat, zu stoppen. Mit der Einführung eines neuen Banksystems solle umgehend begonnen werden. In der zweiten Phase bis zum 250. Tag, so das modifizierte "500-Tage-Programm", hatte die schrittweise Freigabe der Einzelhandelspreise zu erfolgen. Aus den großen Staatsbetrieben würden Aktionärsgesellschaften gebildet. Durch ihren Verkauf sollte die Staatsverschuldung getilgt werden. Ausdrücklich wurden dabei ausländische Investoren gewünscht. In der dritten Phase bis zum 400. Tag stand die Stabilisierung des Marktes auf dem Plan, die weitgehende Privatisierung der Einzelhandels- und Gastronomiebetriebe. Bis zum Ende dieser Etappe sollten bis zu 40% des Grundfonds der Industrie, die Hälfte des Bau- und Autotransports und 60% der Handels- und Dienstleistungsbetriebe in Aktiengesellschaften umgewandelt, verkauft oder verpachtet sein. Die Liberalisierung der Preise müsste abgeschlossen und die "innere Konvertierbarkeit" des Rubel eingeführt sein. Für die abschließende vierte Phase erwarteten die Wirtschaftswissenschaftler um Schatalin schließlich den einsetzenden Aufschwung. Siebzig Prozent der Industriebetriebe und neunzig Prozent der Baubetriebe sollten in dieser Phase bereits nicht mehr dem Staat gehören."

Bisher war Gorbatschows Kurs ambivalent gewesen und seine anfangs begrenzten Versuche, ein paar marktwirtschaftliche Elemente ins System einzufügen, erinnerten eher an eine Wiederbelebung der NEP als an eine wirkliche kapitalistische Restauration. Freilich eine unsinnige Wiederbelebung, war die NEP doch eine Notlösung Lenins gewesen, um die Masse der Bauern ruhigzustellen, die nicht daran dachten, ihren gerade erst erworbenen Landbesitz wieder an den Staat abzutreten - in der Sowjetunion der 80er Jahre gab es eine solche Bevölkerungsgruppe, mit der man sich hätte arrangieren müssen, aber nicht mehr. Mit Proklamation des Schatalin-Plans aber waren endgültig alle Zweifel und Unklarheiten ausgeräumt: Da verkündete der Vorsitzende einer sich kommunistisch nennenden Partei mit rund 20 Millionen Mitgliedern offen und ohne alle Maskierung die Zerstörung der Planwirtschaft und den vollen Wiederaufbau des Kapitalismus. Und wie reagierten die Kader seiner "kommunistischen" Partei, die doch alle ihren Marx und Lenin gelesen und ihnen bei zeremoniellen Anlässen göttliche Ehren hatten zuteil werden lassen? Nun, ein Teil davon mit Jelzin als ihrem Führer unterstützte diese Pläne euphorisch, hatte längst alle Förmlichkeiten hinter sich gelassen und vertrat einen polternden, ungenierten Antikommunismus. Ein anderer, kleinerer Teil reagierte empört, aber der war ziemlich minoritär: Im Obersten Sowjet der russischen Unionsrepublik stimmten bei EINER (!!!) Gegenstimme alle anderen Delegierten dem Schatalin-Plan, d.h. der kapitalistischen Restauration sans phrase, zu. Den allermeisten aber war diese Frage, so unglaublich es klingt, ziemlich egal: Die meisten KPdSU-Bürokraten interessierte es gar nicht besonders, ob die Sowjetunion eine Planwirtschaft oder ein bürgerlich-kapitalistischer Staat sei, solange sie selbst dabei weiterhin gutbezahlte Posten mit gesellschaftlichem Prestige einnahmen. Der Widerstand, auf den Gorbatschows Reformkurs in weiten Teilen der Partei stieß, entzündete sich gar nicht an der Frage der grundlegenden wirtschaftspolitischen Ausrichtung, sondern an zwei anderen Dingen: Erstens an der Befürchtung, Gorbatschow werde ihre politische Macht, ihre finanzielle Versorgung und ihr Prestige gefährden. Zweitens an der Befürchtung, die territoriale Integrität der Sowjetunion werde gefährdet und der partikular-nationalistische Separatismus der Unionsrepubliken ermuntert. Der Masse der Bürokraten lag daran, selbst weiterhin Bestandteil der Elite in einem großen und mächtigen Staat zu bleiben - wie die Wirtschaftsform dieses Staates aussah, war nicht so wichtig, wenn persönlich dabei nur am Ruder blieben. Wie denn auch die Bürokratie in den Randrepubliken bald den Gedanken der Integrität der Sowjetunion wieder umwarf, sich an die Spitze der aufkommenden nationalistischen Bewegungen stellte, alle ML-Phrasen über Bord warf und sich neu erfand als Führungsschicht kleiner neuer bürgerlich-kapitalistischer Nationalstaaten. Deren Staats- und Regierungschefs, deren kleptokratische neue Bourgeoisie, deren militärisches, administratives und diplomatisches Spitzenpersonal - lauter alte KPdSU-Bürokraten, die urplötzlich vergessen hatten, dass sie doch mal "Leninisten" waren. Es war nur folgerichtig, dass der von Leonhard nicht so unrichtig als "Zentrist" charakterisierte, ständig unsicher und beeinflussbar zwischen den "konservativen", reformfeindlichen Teilen der Bürokratie und ihren offen antikommunistischen Teilen unter Jelzins Führung hin- und herpendelnde Gorbatschow (Der sich bald auch vom Schatalin-Plan wieder abwandte, um wieder dem anderen Lager Avancen zu machen), der es sich bald mit allen Seiten verscherzt hatte, schließlich aus dem Weg geräumt hatte und durch den geradlinigen, entschlossenen Antikommunisten und Liquidator der Sowjetunion Jelzin verdrängt wurde, der 1991 im Augustputsch den Showdown mit den letzten übriggebliebenen stalinistischen "Reformfeinde" zu bestehen hatte. Aber die alle entstammten der KPdSU - die Sowjetunion wurde nicht von irgendeiner bösen Macht von außen zerstört, sondern von der Mehrheit der stalinistischen Bürokratie selbst, die sich dabei als neue Bourgeoisie zu konstituieren suchte - das wird nirgends deutlicher als in einem Buch, in dem ein Antikommunist diese Leute gerade nicht anzuklagen versucht, sondern sie für diesen ihren Verrat feiert.

4.3.17 08:45


Kulturverfall durch Christianisierung?

Es gibt unter Teilen der Linken einen absonderlichen in die gesamte Geschichte zurückprojizierten Christentumshass, der in einer seltsamen Form von reinem Idealismus alles Schlechte, was in den letzten 1700 Jahren in der westlichen Geschichte passiert ist, auf die Annahme der christlichen Religion im römischen Reich und dessen Nachfolgestaaten zurückzuführen sucht, beginnend mit dem Verfall der griechisch-römischen Kultur der Antike.

Da stellt man sich dann vor, das barbarische, finstere Christentum sei als bösartiger Virus plötzlich in eine blühende, aufgeklärte und modern anmutende antike Zivilisation eingedrungen und habe diese von innen heraus zerstört.
Das ist, erstens, historisch einfach unhaltbar. Das 4. Jahrhundert, in dem das Christentum im Imperium Romanum triumphiert, ist keineswegs eine Zeit des beschleunigten kulturellen Zerfalls, sondern eine der Erholung und Restauration nach dem wirklichen Zivilisationsbruch in der "Reichskrise" des heidnischen 3. Jahrhunderts. Damals, im 3. Jahrhundert, starb die klassische antike Kunst ab. Damals nahm der Verfall der städtischen Kultur und ihrer politischen Organisation galoppierende Geschwindigkeit an. Damals wurde alles, was an skeptisch-aufgeklärt anmutender Philosophie und Geisteshaltung noch übrig gewesen sein mochte, von einer Welle des Aberglaubens, der Esoterik und des Mystizismus weggefegt. Damals brach die Geldwirtschaft zusammen und wurde wieder von Subsistenzwirtschaft und primitivem Tauschhandel ersetzt. Damals machte die Feudalisierung der Gesellschaftsstruktur mit der Verdrängung von Sklaverei und Lohnarbeit und ihrer zunehmenden Ersetzung durch die semi-Leibeigenschaft des Kolonats die größten Fortschritte. Und in dieser Zeit, die die Verwandlung der antiken zu einer schon mittelalterlich anmutenden halbfeudalen Kultur markiert, war das Christentum noch politisch völlig bedeutungslos.

Das 4. Jahrhundert dagegen, in dem das Christentum erst legalisiert und staatlich gefördert und dann zur Staatsreligion wird, ist eine Atempause und sogar eine Zeit der relativen Erholung und Restauration: Die Städte erleben wieder ein bescheidenes Wachstum. Das künstlerische Niveau steigt wieder. Das Geldwesen wird reorganisiert und stabisiliert sich noch einmal für etwa anderthalb Jahrhunderte. Natürlich war die Christianisierung nicht die URSACHE dieser Erholung im 4. Jahrhundert, aber es zeigt eben, dass es umgekehrt auch nicht für den Verfall der antiken Kultur verantwortlich gemacht werden kann. Das christliche römische Reich Mitte des 4. Jahrhunderts war viel stabiler und gesünder als das heidnische römische Reich Mitte des 3. Jahrhunderts.
Was man auch bedenken sollte: Das Christentum verbreitete sich umso früher und umfassender, je höher das Entwicklungsniveau einer Provinz war und umso später und langsamer, je primitiver die Verhältnisse dort waren. Die am höchsten entwickelten, stark urban geprägten griechischsprachigen Provinzen des Ostens waren schon im 3. Jahrhundert kräftig christlich geprägt, während wiederum von den niedriger entwickelten Westprovinzen das unter diesen am höchsten entwickelte Italien zuerst eine Ausbreitung des Christentums erlebte, die halbbarbarischen Nordprovinzen - das nördliche Gallien, Britannien, Germanien, Rätien, Noricum, Pannonien, Dakien - dagegen erst durch staatliche Intervention widerwillig und sehr langsam christianisiert wurden. Frühe Christianisierung ist zwar nicht Ursache, aber Symptom eines hohen Entwicklungsniveaus innerhalb des Reiches.

Schließlich darf man sich auch keine Illusionen über das geistige Niveau der heidnischen Glaubensvorstellungen des 3. und schon des späten 2. Jahrhunderts machen. Eine aufgeklärte Welt war das mittlere und späte römische Kaiserreich auch vor seiner Christianisierung gewiss nicht. Zur Zeit des "Philosophenkaisers" Marc Aurel konnte ein gewisser Alexander von Abonuteichos Karriere machen, der sich eine Pappschlange bastelte, die er Glykon nannte und als inspiriertes göttliches Wesen ausgab, das - gegen üppige Barzahlung an Alexander als Glykons Dolmetscher in Menschensprache - einem die Zukunft vorhersagen könne. Aus dem ganzen Reich strömten Pilger zu Alexander, um ihn für Prophezeiungen zu bezahlen, und der Kaiser bewilligte die Umbenennung seiner Heimatstadt nach dem Wundermann. Ungefähr zur selben Zeit wurde der Schriftsteller Apuleius unter Anklage gestellt, durch einen Liebeszauber eine reiche ältere Witwe zur Heirat gebracht zu haben, und nur mit viel Glück konnte er einer gerichtlichen Bestrafung wegen Hexerei entkommen. In der Krisenzeit des 3. Jahrhunderts wurden die abergläubischen Vorstellungen noch wilder, die heidnische Glaubenswelt bestand aus einer wüsten Mischung aus Astrologie, Traumdeutung, Hexengeschichten, Prophezeiungen, eklektischen Versatzstücken aus orientalischen Kulten und neuplatonischer Esoterik. Das Heidentum des 3. Jahrhunderts stand geistig gewiss keinen Deut über dem frühen Christentum, und es ist lächerlich anzunehmen, das Kulturniveau des spätantiken Reiches wäre höher gewesen, wenn sich statt des Christentums bspw. der Mithraskult oder ein neuplatonischer Mystizismus durchgesetzt hätte.

Vor allem aber ist es eine völlig idealistische Geschichtsinterpretation, die Verwandlung einer Gesellschaft als Resultat einer bestimmten ideologischen Präferenz zu verstehen statt umgekehrt ideologische Wandlungen als Ergebnis einer gesellschaftlichen Transformation zu begreifen. Die spätantike römische Welt hat sich nicht verwandelt, weil sie christlich wurde, sondern sie wurde christlich, weil sie sich verwandelt hatte. Religionen und Ideologien können keinen dauerhaften Siegeszug antreten, wenn sie nicht soziale und psychologische Bedürfnisse bedeutender Bevölkerungsgruppen befriedigen, die bereits vorhanden sind und die mit Weiterentwicklung des sozioökonomischen Rahmens ihren Inhalt verändern. Die alte ideologische Welt des Heidentums war der klassischen antiken Sklavenhaltergesellschaft angemessen gewesen. Diese Gesellschaft aber begann seit dem Ende des 2. Jahrhunderts zu zerfallen, und ihre Zersetzung war bei Legalisierung und beginnender staatlicher Förderung des Christentums im 4. Jahrhunderts bereits weit fortgeschritten. Die Welt von Konstantin und Theodosius war eine schon halb feudale Welt, und für eine solche Welt war der Katholizismus eine passende Religion. Hätte sich nicht das Christentum durchgesetzt, wäre das Resultat nicht eine Renaissance der klassischen antiken Kultur gewesen, sondern der Siegeszug einer dem Christentum sehr ähnlichen Religion wie bspw. dem Mithraskult oder irgendeiner Spielart des im 3. Jahrhundert schon monotheistisch-moralistischen Neuplatonismus. "Das Christentum" war ebensowenig Ursache des Verfalls der antiken Welt wie heute "der Islam" Ursache weltpolitischer Konflikte ist. Religionen sind keine handelnden Subjekte, sondern ideologische Hüllen, in die die Menschen ihre jeweiligen, sich ständig wandelnden sozialen und psychologischen Bedürfnisse kleiden.

4.2.17 17:20


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung