Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Letztes Feedback
   29.10.16 18:21
    Thema verfehlt: Antisemi
   23.01.17 17:08
    Sehr schöner Artikel - D
   27.02.17 08:49
    Hair Megaspray ist ein P
   11.03.17 02:35
    Im Prinzip bin ich bei I
   18.04.17 05:46
    Where to buy cheap mlb j
   12.06.17 22:13
    how can i produce more b



http://myblog.de/blog-proleter

Gratis bloggen bei
myblog.de





Ein Monat Indien

Zeit für ein kleines Fazit meines knappen Monats in Indien.
Eine Erfahrung muss nicht schön sein, um interessant zu sein. Die Zeit in Indien war sogar sehr interessant - aber schön, ein angenehmes Reiseerlebnis? Das eher nicht. Im Grunde habe ich mich an keinem einzigen Tag dieser dreieinhalb Wochen wirklich wohlgefühlt. Das geht zu einem erheblichen Teil auch einfach auf triviale physische Faktoren zurück. Da ist erstens die Hitze. Während ich wenig kälteempfindlich bin, komme ich mit Hitze körperlich sehr schlecht zurecht, bei Temperaturen ab etwa 30 Grad fühle ich mich unwohl, ab etwa 35 Grad ist mir jeder längere Aufenthalt im Freien eine Quälerei und stelle ich fast alle nicht absolut notwendigen Aktivitäten ein. Nun war mir natürlich klar, dass ich in Südindien auch im Februar mit hohen Temperaturen würde rechnen müssen. Aber normalerweise liegen die Maximaltemperaturen in dieser Zeit bei etwa 30 Grad, eine für mich schon etwas unangenehme, aber zu verkraftende Temperatur. Dieses Jahr war allerdings kein meteorologisch normales Jahr, sondern brachte Südindien den heißesten Februar seit 51 Jahren mit auch für diese Region völlig abnormen, bis knapp zehn Grad über dem durchschnittlichen Temperaturmaximum liegenden Werten. Und so herrschte an fast jedem Tag meines Aufenthalts eine Backofenhitze von etwa 35-40 Grad im Schatten, bei der einem bei einem Spaziergang außerhalb des Schattens ein Hitzschlag droht, man nach ein paar Tagen Sonnenbrand bekommt, einem die Kleider ständig vor Schweiß am Körper festkleben, man zur wandelnden olfaktorischen Einladung für die hundert Fantastillionen Mücken der Umgebung wird und ständig eine Tasche voller schwerer Wasserflaschen mitschleppen muss, um es überhaupt längere Zeit draußen aushalten zu können. Dazu kam, dass ich nach einigen Tagen eine sich hartnäckig hinziehende, in eine Bronchitis übergehende Erkältung bekam (Ausgerechnet: Nicht vor der Abreise im nasskalten Wien, sondern erst im südindischen Hitzeinferno), die mich den Rest der Reise hindurch begleitete. Während des größten Teils der Zeit fühlte ich mich also kränklich und fiebrig in ununterbrochen vom Himmel brennender extremer Hitze, kurz: Es ging mir fast während des ganzen Urlaubs körperlich ziemlich übel. Sowas drückt die Stimmung herunter und färbt alle anderen Eindrücke stark negativ ein.

Und Indien ist ein Land, an solchen Eindrücken nicht zu knapp. Da ist die urbane Hölle seiner Großstädte, mit ihrem dystopischen, abstoßenden Erscheinungsbild aus riesigen Slums, kaputten Straßen, Müllhaufen überall, Kühen, Ziegen und Hühnern überall auf den Straßen samt ihren kräftig riechenden Fäkalien, mit ihrer krassen Überfüllung, die so etwas wie ruhiges Spazierengehen unmöglich macht, mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm, mit ihrem ständigen Taumeln am Rand des Verkehrskollaps, bei dem die Überquerung jeder Straße als Fußgänger zum riskanten Geduldsspiel wird, und mit ihrer verpesteten, abgas- und staubgeschwängerten Luft, bei der man sich abends nach einigen Stunden im Freien eine ölige Dreckschicht aus Schweiß, Staub und Ruß aus dem Gesicht kratzen kann, mit ihrem deprimierenden, bis auf den letzten Quadratzentimeter zubetonierten, klaustrophobischen Stadtbild praktisch ohne Parks, ohne Freiflächen, ohne Brunnen, ohne Sitzbänke, ohne alles, was den Aufenthalt in einer Stadt angenehm machen könnte. Da ist die omnipräsente krasse Armut, die einen beklemmt, die Masse an Obdachlosen, die in dieser grauenhaften Szenerie am Rand einer lärmenden und stinkenden Stadtautobahn einfach auf einem Müllhaufen oder im Staub schlafen, während tausende PassantInnen gleichgültig vorbeigehen und über sie drüberhüpfen. Da ist der Eindruck, diese klaustrophobische Überfüllung der Städte mit ungeheuren Menschenmassen in gedrängtester, quälendster Enge in Elend und Dreck und das damit einhergehende völlige Fehlen von so etwas wie Privatsphäre und Diskretion müsse doch, wenn man dort lebt, das Bewusstsein für menschliche Individualität und den Wert des einzelnen Menschen abstumpfen - im Gedränge der sardinenbüchsenartig verstopften indischen Städte wirken auch Menschen irgendwann wie eine beliebig austauschbare, nur noch quantitativ zu erfassende Masse, die Szenerie ist unmenschlich in einem erschütternden Sinne, der darüber hinausgeht, dass es da einfach trist ist. Und da ist, um diesen Eindruck noch zu verschärfen, der ständige Kontrast zwischen den ziemlich bis extrem armen und elenden Massen und einer Minderheit bürgerlicher Gewinner der ökonomischen Liberalisierung Indiens, die ihren Reichtum völlig ungeniert neben der schlimmsten Armut zur Schau stellen, da stehen luxuriöse moderne Appartementhochhäuser mit gepflegten, schönen Gartenanlagen, mauerumwehrt und von bewaffneten Sicherheitsleuten gegen die umgebende Bevölkerung bewacht, direkt neben den übelsten Slumgegenden mit Unterkünften aus blauen Plastikplanen, Wellblech oder Bambus. Überhaupt die Omnipräsenz dieser Heerscharen uniformierter und bewaffneter privater Securities vor allem, was zur Lebenssphäre des Bürgertums gehört, vor jeder Bankfiliale, vor jedem der seltenen modernen Supermärkte, vor jedem besseren Wohnhaus. Die herrschende Klasse streckt dort den Massen so völlig unverblümt und offen den Mittelfinger entgegen, wie ich es noch nirgends so krass gesehen habe, und ruft ihnen dabei zu "Dieses Land gehört UNS und sonst keinem, und wenn ihr das auch nur einen Augenblick vergessen solltet, gibts aufs Maul!"

Da ist die ständige Erinnerung daran, dass Indien nicht einfach ein normaler kapitalistischer Nationalstaat mit dessen Klassenscheidungen ist, sondern die abgesehen vom IS vielleicht widerwärtigste Gesellschaftsordnung der Welt hat mit seiner immer noch von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierten hinduistischen Kastenordnung, die sich sehr gut verträgt mit den neuen kapitalistischen Verhältnissen und diese noch in einer Weise verstärkt, dass die unterdrücktesten Schichten nicht bloß von der herrschenden Klasse verachtet, sondern als Untermenschen betrachtet werden, die nun einmal in Dreck und Elend dahinvegetieren müssen, weil ihnen das der göttlichen Ordnung nach unabänderlich so bestimmt ist. Die Kasten waren ja in ihrem Ursprung ethnisch definiert, und durch die strikte Segregation voneinander hat sich dieser Zug bis heute erstaunlich stark erhalten: Indien ist ein Land, in dem die Oberschicht wirklich körperlich deutlich anders aussieht als die Unterschichten - in den Reichenvierteln sind die meisten Leute auf den Straßen ziemlich hellhäutig, relativ großgewachsen und oft wohlbeleibt, in den Slums ist die Bevölkerung dagegen überwiegend sehr dunkelhäutig, sehr dünn bis deutlich unterernährt und durch die Unterernährung in der Wachstumsphase des Körpers auch tatsächlich wahrnehmbar kleiner. Und diese physischen Merkmale werden bewusst als Ausdruck der sozialen Stellung rezipiert, indische Frauen, die der Oberschicht angehören oder so wirken wollen, schminken sich oft, bis sie heller als NordeuropäerInnen aussehen, und Karriere als Bollywoodstar kann man eigentlich nur machen, wenn man für indische Verhältnisse sehr hellhäutig ist oder zumindest so umgeschminkt wird - kaum ein Bollywoodfilm, in dem die SchauspielerInnen nicht entsprechend bearbeitet werden, bis sie wie EuropäerInnen aussehen. Ein dunkelhäutiger Dalit wäre nicht nur als Filmstar kaum denkbar, ein klassen- und kastenbewusster indischer Bonze würde sich schon beim Gedanken ekeln, ihm auch nur die Hand geben oder im selben Raum mit ihm essen zu müssen. Und in der Tat sind indische Städte sehr deutlich sichtbar sozial und ethnisch segregiert, wie denn auch die Kastengliederung eine nicht nur soziale, sondern auch quasi-rassistische Ordnung ist, die die dunkelhäutigsten Teile der Bevölkerung als Untermenschen qualifiziert, mit denen jeder Kontakt verunreinigend und entehrend ist. Und daneben die Segregation zwischen hinduistischer Mehrheit einerseits, muslimischer Minderheit andererseits, die ebenfalls scharf abgetrennt in eigenen Vierteln lebt, meistens den schlimmsten Slums der Stadt, wo das Leben noch trister und elender als sonst ist. Und ganz zu schweigen von der extremen Frauenverachtung, die Hinduismus wie Islam (Der in Indien offensichtlich stark islamistisch geprägt ist - in den muslimischen Slums Mumbais sah ich fast nur verschleierte Frauen, es gibt viele Niquab- und Burkahändler, bei den Straßenhändlern kann man IS-Flaggen und salafistische Literatur kaufen) im Land propagieren und die man schon am so krass männlich dominierten Bild des öffentlichen Raums spürt: Besonders in den ärmeren Vierteln bekommt man, wenn man durch die Straßen geht, manchmal den Eindruck, als würde die indische Bevölkerung fast nur aus Männern bestehen, die sich wohl irgendwie durch Zellteilung fortpflanzen - die Frauen der Familie sitzen also wohl in die eigenen vier Wände gebannt zuhause. Beim Goa-Festival, das wir in Anjuna besuchten, waren am Abend, als ich dort war, von ein oder zwei Ausnahme abgesehen ALLE indischen Besucher Männer, die anwesenden Frauen waren nahezu alle ausländische Touristinnen - dass Frauen feiern gehen, und noch dazu ohne männlichen Begleiter, ist offensichtlich für den Großteil der indischen Bevölkerung eine schockierende Vorstellung.

Und viel idyllischer fand ich es auf dem Land eigentlich auch nicht. Ja, sicher, die Badestrände in den von der lokalen Bevölkerung mehr (Gokarna) oder weniger (Goa) abgetrennten Touri-Ghettos an den schönsten Küstenabschnitten waren hübsch, die bizarren Felsformationen in Hampi oder leuchtend grüne Reisfelder mit Bananenwäldchen und Kokospalmen ebenso, aber den Großteil der Landschaft empfand ich zumindest jetzt in der Trockenzeit als traurig und bedrückend, diese endlosen, monotonen Ebenen aus ausgetrockneter, verbrannter roter Erde ohne einen Wassertropfen und ohne frisches Grün, wo nicht bewässert wird mit Ausnahme einiger ledriger immergrüner Pflanzen, die sich an dieses wüstenähnliche Klima angepasst haben (Also, es gibt schon auf den ersten Blick dschungelartige Wälder, aber in der Trockenzeit ohne Bodenbewuchs, unterhalb der Baumkronen ist alles kahl, leer und ausgebrannt). Es gibt ja oft so einen auf Landschaften bezogenen Exotismus, dass Leute eine Landschaft umso reizvoller finden, je fremder und weiter entfernt sie ist - sowas empfinde ich nicht. Im Gegenteil ist mir gerade beim Anblick dieser für mich tristen, monotonen, vertrockneten, ungeschlachten indischen Durchschnittslandschaft klargeworden, wie wunderschön ich eigentlich Mittel- und Westeuropa mit seiner über 1000-2000 Jahre ausgearbeiteten Mischung aus Natur- und Kulturlandschaft mit feiner filigraner Gliederung finde, in der fast jedes durchschnittliche Stück französischer, schweizerischer oder süddeutscher Landschaft wie ein kunstvoll angelegter, abwechslungsreicher Garten aussieht. Überhaupt war das ein während meines Aufenthalts in Indien ganz starkes, immer präsentes Gefühl: Das Bewusstsein, wie wunderschön Westeuropa eigentlich ist, mit seinen herrlichen, gepflegten, sauberen, lebenswerten Städten, mit seinem milden Klima, mit seinen sanften, wie von einem Landschaftsgärtner angelegten Landschaften, mit seiner sauberen Luft und seinem von Smog- Dunst- und Staubglocken (meistens) freien reinen Himmel. Nach Indien zu reisen bereitet einem nicht nur einen argen Kulturschock, es ist auch in fast allem anderen eine Art Antipode Westeuropas, der einen verzaubern mag, wenn man auf exotistische Romantik steht, aber erschreckend und beklemmend ist, wenn man das Leben im Westen eigentlich sehr mag. Und so ging es mir, ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, nicht einfach an einem reizlosen (Was Indien auf seine Art keineswegs ist), sondern an einem erschreckenden Ort zu sein, in irgendeiner dystopischen Gegenwelt, in der alle schlimmen Seiten der Welt moderner bürgerlicher Gesellschaften gebündelt, alle ihre schönen und lebenswerten Züge aber entfernt sind. Und auf dem Land mag es zwar durch die weniger arge Vermüllung, Luftverschmutzung und Überfüllung sinnlich weniger unangenehm als in den Städten sein und musste ich mir weniger oft als in Mumbai innerlich sagen "Ich will woanders sein, ich will woanders sein, ich will woanders sein...", aber die gesellschaftlichen Verhältnisse sind dort ja noch viel schlimmer, dort ist die Kastenordnung oft noch ziemlich intakt, haben Frauen nicht einmal die begrenzten Freiheiten, die sie in einer Stadt wie Mumbai besitzen, ist die Geltung der hinduistischen oder islamischen Religion mit ihren ganzen idiotischen Geboten und der von ihnen bewirkten scharfen gesellschaftlichen Segregation noch viel unangetasteter (Wie ich überhaupt kaum jemals irgendwo so lebhafte antireligiöse Aufwallungen hatte wie in Indien, wo die beiden größten Religionen auf die Masse ihrer AnhängerInnen einfach nur einen durchweg reaktionären, bösartigen Einfluss ausüben und irgendwelche sich in irgendeiner Weise aufgeklärt und progressiv darstellenden Strömungen innerhalb dieser Religionen offensichtlich nur als ganz kleine Minderheitsphänomene existieren. In einem Land wie Indien, in dem es der Öffentlichkeit scheißegal ist, wenn Dalits im Dreck verrecken, es aber einen Aufstand gibt, wenn einer eine heilige Kuh respektlos behandelt, wäre es für eine sozialistische Regierung nicht wie in Europa ein wenig bedeutender Nebenkriegsschauplatz, sondern eine elementare Hauptaufgabe, den gesellschaftlichen und geistigen Einfluss der Religionen energisch zu zerbrechen als Voraussetzung gesellschaftlicher Entwicklung).

Darum sei noch einmal gesagt: Ich streite keineswegs ab, dass der Monat in Indien eine überaus interessante und anregende Erfahrung war, die mir sehr viele Denkanstöße und eindrückliche Erlebnisse bescherte. Aber es war keine schöne Erfahrung, es erfüllte mich mit Erleichterung, schließlich wieder nach Europa zurückkehren zu können (Und ich fühlte mich sehr, sehr glücklich, als ich beim Zwischenhalt in Istanbul endlich wieder in einer ziemlich westlich wirkenden - und kühlen, ohne Verbrennungen erwanderbaren! - Stadt war) - dort auch nur noch einige Wochen länger bleiben zu müssen hätte mir schwer zu schaffen gemacht. Es ist ein für WesteuropäerInnen sehr fremdartiger (Viel fremdartiger bspw. als die arabische Welt, die ja in einer jahrhundertelangen Wechselbeziehung mit Europa stand und ein merkliches Stück vertrauter wirkt) und damit in seiner Weise sehr interessanter Ort - aber keiner, an dem ich allzu gern noch einmal sein würde.

4.3.17 08:47
 
Letzte Einträge: Lektürenotiz: Will Durant, "Das Zeitalter des Glaubens. Eine Kulturgeschichte des Mittelalters", Lektürenotiz: Marc Frey, "Geschichte des Vietnamkriegs", Lektürenotiz: Jacques le Goff, "Das Hochmittelalter" (Fischer Weltgeschichte Band 11), Lektürenotiz: Barbara Tuchman, "Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert", Lektürenotiz: Karl Kautsky, "Die Klassengegensätze im Zeitalter der französischen Revolution", Lektürenotiz: Paul Nolte, "Hans-Ulrich Wehler. Historiker und Zeitgenosse"


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung