Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Letztes Feedback
   29.10.16 18:21
    Thema verfehlt: Antisemi
   23.01.17 17:08
    Sehr schöner Artikel - D
   27.02.17 08:49
    Hair Megaspray ist ein P
   11.03.17 02:35
    Im Prinzip bin ich bei I
   18.04.17 05:46
    Where to buy cheap mlb j
   12.06.17 22:13
    how can i produce more b



http://myblog.de/blog-proleter

Gratis bloggen bei
myblog.de





Lektürenotiz: Iris Origo, "Im Namen Gottes und des Geschäfts. Lebensbild eines toskanischen Kaufmann

Im Spaetmittelalter bilden sich in den fortgeschrittensten Teilen Europas, besoders in Norditalien und Flandern, staedtische Inseln kapitalistischen Wirtschaftens und buergerlicher Kultur und Gesellschaft inmitten der umgebenden laendlich-feudalen Welt aus, wenn auch sehr ueberwiegend nur von Handels- und Finanzkapital und noch kaum von industriellem Kapital gepraegt. Eine charakteristische Gestalt dieser Zeit war der Grosskaufmann und Bankier Francesco di Marco Datini (1335-1410), der seinen Hauptsitz im toskanischen Prato hatte, aber ein ganz Westeuropa und Nordafrika umspannendes Firmen- und Filialnetz dirigierte, mit Niederlassungen in allen wichtigen italienischen Handelsstaedten, in Frankreich, Spanien, Nordafrika und England. Datini war keiner der ganz grossen Handelskapitalisten der Zeit, aber er sticht als historische Gestalt heraus durch sein fast vollstaendig erhaltenes Archiv aus zehntausenden Geschaeftsbriefen, Rechnungsbuechern, Inventarlisten, Versicherungspolicen, amtlichen Dokumenten, aber auch mehreren tausend Privatbriefen, die eine historische Goldgrube bzgl. Kultur und Gesellschaft der italienischen Fruehrenaissance darstellen. Das Leben wahrscheinlich keines anderen Menschen des 14. Jahrhunderts ist durch eine solche Masse an zeitgenoessischen Dokumenten so umfassend bekannt wie das Datinis. Auf Grundlage dieses historischen Schatzes hat die britisch-italienische Historikerin Iris Origo ihr wundervolles Buch geschrieben, in dem gleichzeitig die Geschichte von Datinis Geschaeftsimperium nachgezeichnet als auch der Mensch Datini portraetiert wird, wie dieser typische Vertreter der fruehen Bourgeoisie uns aus seiner gewaltigen Privatkorrespondenz mit seiner jungen Frau, seinen persoenlichen Freunden, Mitarbeitern und Geschaeftspartnern entgegentritt. Bei dieser Kombination von Biographie, Wirtschafts- und Kulturgeschichte entsteht das dichte, lebensvolle, farbige Portraet einer ganzen Epoche mit ihren gleichzeitig noch mittelalterlichen, archaisch anmutenden und schon modernen, buergerlichen Zuegen, immer illustriert mit reichlich Zitaten aus den Briefen dieses nuechtern-praktischen Kapitalisten, der durchaus keine literarischen Ansprueche stellt, sondern in der Umgangssprache seiner Zeit Alltaegliches aus seinem Geschaefts- und Familienleben berichtet. Ein sehr schoenes, sehr lesenswertes Panorama der Jugendtage der buergerlichen Gesellschaft.

Eine mir bisher unbekannte Tatsache, die ich bei Lektuere von Iris Origos Datini-Biographie besonders interessant fand: Die grosse Pestepidemie von 1347 ff., die innerhalb von 2-3 Jahren ca. ein Drittel der Bevoelkerung Europas toetete (Der Bevoelkerungsstand vor 1347 wurde wohl erst im 16. Jahrhundert wieder erreicht), fuehrte angesichts der Verknappung der Arbeitskraefte nicht nur zu einem erheblichen Lohnanstieg der uebrigen ArbeiterInnen (Deren Lebensstandard bis ins spaete 15. Jahrhundert viel hoeher als vor der Epidemie blieb), sondern infolgedessen auch zu einem voruebergehenden Revival der Sklaverei in Europa: Angesichts des geschrumpften Reservoirs freier Arbeitskraefte und deren stark gestiegenen Lohnforderungen wurde es auf einmal wieder attraktiv, stattdessen SklavInnen zu verwenden. Im spaeten 14. Jahrhundert war die seit zwei, drei Jahrhunderten weitgehend ausgestorbene Sklaverei zumindest im mediterranen Europa wieder alltaeglich, und in jedem vornehmeren Haus der Fruehrenaissance lebten eine Menge arabischer, tuerkischer oder suedosteuropaeischer SklavInnen (So wie in der arabischen Welt nur NichtmuslimInnen versklavt werden durften, so in Europa nur NichtchristInnen, allerdings nahm man das nicht gar so genau: Italienische Haendler, die bspw. im osmanischen Machtbereich auf dem Balkan SklavInnen einfingen, fragten nicht gross danach, ob die MuslimInnen oder orthodoxe ChristInnen seien). So hat bspw. Florenz die Sklaverei 1366 wieder formell legalisiert und dem Kaeufer unumschraenkte Gewalt ueber Leben und Tod seiner SklavInnen gegeben wie in der Antike (Und ebenso wie in der roemischen Rechtsprechung wurde im Italien der Renaissance ein entlaufener Sklave auch als Dieb bestraft, weil er sich selbst seinem Herrn gestohlen habe). In den Briefen Datinis kommen Kauf und Verkauf von SklavInnen als HausdienerInnen oder Privatprostituierte als etwas ganz Selbstverstaendliches vor, und auch wenn Datini mal wieder eine seiner jungen Sklavinnen schwaengerte, nahm selbst seine Frau das als normal hin. Allerdings war diese neue Sklaverei des 14. und 15. Jahrhunderts offensichtlich sehr zeberwiegend Haussklaverei und spielte, anders als in der Sklaverei der griechisch-roemischen Antike, kaum eine Rolle in Landwirtschaft und Gewerbe.
4.3.17 08:52
 
Letzte Einträge: Lektürenotiz: Will Durant, "Das Zeitalter des Glaubens. Eine Kulturgeschichte des Mittelalters", Lektürenotiz: Marc Frey, "Geschichte des Vietnamkriegs", Lektürenotiz: Jacques le Goff, "Das Hochmittelalter" (Fischer Weltgeschichte Band 11), Lektürenotiz: Barbara Tuchman, "Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert", Lektürenotiz: Karl Kautsky, "Die Klassengegensätze im Zeitalter der französischen Revolution", Lektürenotiz: Paul Nolte, "Hans-Ulrich Wehler. Historiker und Zeitgenosse"


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung