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Lektürenotiz: Barbara Tuchman, "Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert"

Barbara Tuchmans 1978 erschienenes, weit über HistorikerInnenkreise hinaus vielgelesenes Epochenporträt des spätmittelalterlichen Westeuropa ist eine schöne Ergänzung zu Iris Origos Biographie des Prateser Großkaufmanns Francesco di Marco Datini, die ich kürzlich gelesen habe: Während Origo das Europa des 14. Jahrhunderts, seine Geschichte, seine Kultur, sein Alltagsleben und seine Geisteshaltungen am Beispiel eines Exponenten der fortschrittlichen neuen Klasse der urbanen Bourgeoisie porträtiert, wird es bei Tuchman aus der Perspektive eines Repräsentanten der damals schon reaktionär und anachronistisch werdenden Feudalaristokratie nachgezeichnet, nämlich des zu hohen Stellungen am Königshof aufsteigenden französischen Barons Enguerrand VII. von Coucy (1340-1396).
Das 14. Jahrhundert und besonders seine trübe zweite Hälfte sind in der westeuropäischen Geschichte keine besonders erhebende Epoche. Der große Aufschwung des 12. und 13. Jahrhunderts war schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts verebbt, und die große Pest von 1347ff. verwandelte die Stagnation in einen katastrophalen Verfall. Auch nach deren Abklingen wurde es in Westeuropa nicht viel idyllischer: Neue Ausbrüche der Seuche suchten die Bevölkerung heim. Zwischen England und Frankreich brach der verheerende hundertjährige Krieg aus, dessen Kriegsgrund schon bald kaum noch jemand begriff, aber generationenlang einige der bisher fruchtbarsten, reichsten und dichtestbesiedelten Teile Europas mit Verwüstung, Massenmord, Plünderung, Brandschatzung und Verrohung und Abstumpfung der Bevölkerung überzog, für die Gewalt und Terror zur Normalität wurde. Die verzweifelte Bevölkerung erhob sich in gewaltigen Sozialrevolten, die nach kurzem Anlauf aber alle brutal niedergeworfen wurden und einer verschärften Restauration einer überkommenen Sozialordnung Platz machten, in der die sozioökonomisch immer nutzloser und parasitärer werdenden herrschenden Klassen von Adel und Klerus das Land für ihren Luxus und ihre unsinnigen dynastischen Kriege finanziell aussaugten und die Emanzipation der aufstrebenden bürgerlichen Schichten abwürgten. Es ist in Westeuropa eine Zeit der Gewalt und des Niedergangs, eine Epoche ohne erkennbaren Fortschritt, ja sogar des Rückschritts: Als Tuchmans Protagonist am Ende des Jahrhunderts stirbt, ist Frankreich ärmer und schwächer besiedelt als in seiner Kindheit, seine Literatur und Kunst unfruchtbarer, seine Bevölkerung zynischer und desillusionierter.
Und doch ist es ein fesselndes Lektürevergnügen, Tuchman bei ihrem schriftstellerisch brillanten Rundgang durch diese trübe Epoche zu folgen, bei dem das vor allem anhand von Froissarts Chronik rekonstruierte Leben Enguerrand de Coucys und die "Game of Thrones" übertreffenden Bündnisse, Intrigen und Gewalttaten zwischen den aristokratischen Häusern Europas nur überleiten zu kulturhistorischen Exkursen über alle möglichen Aspekte von Leben und Kultur besonders der Feudalaristokratie dieser Zeit, die trotz aller Rivalitäten, Verschwörungen und Kriege doch eine so starke, von Staatengrenzen und Nationalempfinden damals noch kaum berührte Klassensolidarität empfand. Mochten England und Frankreich auch im erbitterten Krieg miteinander liegen - das hinderte französische und englische Ritter nicht daran, sich in den zwischen den Feldzügen liegenden Friedensphasen zu gemeinsamen Turnieren zu treffen und mit eben "ritterlicher" Hochachtung zu behandeln. Es hinderte den französischen Baron und königlichen Berater Coucy nicht, die Tochter des englischen Königs zu heiraten. Es hinderte den französischen König nicht, einen Trauergottesdienst abzuhalten, als einer der wichtigsten, Frankreich mit schrecklichen Verheerungen heimsuchenden gegnerischen Feldherren an einer Krankheit starb. Es hinderte beide Seiten nicht, gefangengenommene Ritter der jeweils anderen Seite großzügig als respektierte Gäste zu beherbergen, bis ihre Lösegeldzahlung eintraf und sie wieder nach hause gehen durften (Der Gedanke, einen gefangenen Ritter der Gegenseite zu töten war unvorstellbar, und ihn auch nur ins Gefängnis zu werfen verstieß so sehr gegen den aristokratischen Ehrenkodex, dass französische Adlige höchst empört über die Ehrlosigkeit ihres Königs waren, einen gefangenen englischen Kommandanten zu inhaftieren). Aber das war eben kein allgemeines humanes Empfinden, sondern eine enge Klassensolidarität: Mochten Respekt und Ehrerbietung gegenüber Aristokraten anderer Reiche obligatorisch sein, so waren diese Aristokraten sich alle einig in ihrer Verachtung der bäuerlichen Massen, die sie als normales Mittel der Kriegführung ausraubten und ermordeten, ohne darin auch nur irgendein Vergehen zu sehen, und wo es zu bäuerlichen (Oder, in den entwickeltsten Regionen, auch schon bürgerlichen und sogar proletarischen) Aufständen kam, waren Ritter aller Kriegsparteien sich sofort einig, diese gemeinsam in Blut zu ersticken. Wie der übersteigerte ritterliche Ehrenkodex gerade in einer Zeit seine höchste Stufe erreichte, in der die Feudalaristokratie zu einer reaktionären, erstarrten, anarchronistisch werdenden Klasse wurde - das wird bei Tuchman sehr gut greifbar.
Ein wundervolles, sehr informatives und gleichzeitig unterhaltsames Buch, ein tolles Beispiel lebendiger Geschichtsvermittlung, die eine Epoche in ihrer Totalität begreiflich macht.
10.3.17 10:15
 
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