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Zur Kritik der "Gruppen gegen Kapital und Nation" am historischen Materialismus

Auf Drängen eines "Gegenstandpunkt"-Sympathisanten habe ich mich nun einmal mit einem Text der "Gruppen gegen Kapital und Nation" auseinandergesetzt, in dem dargelegt werden soll, dass der historische Materialismus eine "antirevolutionäre Revolutionstheorie" sei. Ich lasse das Elend dieser Kritik erst einmal für sich selbst sprechen:

" Der Marxismus-Leninismus (ML) kritisiert die Ausbeutung der Arbeiterklasse im Kapitalismus. Während diese im Kapitalismus den fremden Reichtum mehrt, sollen im Sozialismus die Interessen der Arbeiter zum Zuge kommen. Auf dieses Interesse setzt der Marxismus-Leninismus, wenn er die Arbeiterklasse als wesentlichen Träger der Revolution vorsieht. In dieser Überlegung ist das Urteil enthalten: Der Mensch macht die Geschichte. Zugleich enthält der ML eine diesem Urteil völlig entgegengesetzte Überlegung: Die Interessen der Menschen sind bestimmt durch die Produktionsverhältnisse, welche letztendlich wiederum durch die Produktivkräfte bestimmt seien:1 Der Mensch macht nicht Geschichte, sondern wird durch die (ökonomische) Geschichte bestimmt."


Dass die AutorInnen sich hier selbst ad absurdum führen, scheinen sie gar nicht zu bemerken: Zwischen dem Umstand, dass der ML die Interessen der ArbeiterInnen realisieren will und der Feststellung, dass diese Interessen durch bestimmte Produktionsverhältnisse bestimmt seien, besteht nicht nur kein Widerspruch - das eine setzt das andere voraus! Wie soll es denn so etwas wie Interessen der LohnarbeiterInnen geben, wenn es keine LohnarbeiterInnenklasse gibt, d.h. ohne die Produktionsverhältnisse einer kapitalistischen Gesellschaft? In einer vorkapitalistischen Gesellschaft ist die Losung der Diktatur des Proletariats völlig sinnlos.
Der historische Materialismus bestreitet nicht, dass es einen erheblichen Spielraum gibt, welche Forderungen Menschen in einer Epoche stellen und wie sie diese formulieren können, ansonsten dürfte es zwischen Angehörigen derselben Klasse ja gar keine politischen Meinungsverschiedenheiten geben. Aber die Menschen gelangen zu ihren Wünschen und Forderungen nicht in einem Vakuum, sondern in einer konkreten politischen und ökonomischen Situation, die bestimmt, welche Anliegen für sie relevant werden und welche Forderungen realisierbar sind oder nicht. Ein plakatives Beispiel: Der im 18. Jahrhundert brennend aktuelle und wichtige Kampf gegen Frondienste und Feudalabgaben ist in einem vollentwickelten kapitalistischen Staat der Gegenwart erledigt, und die damals progressive Idealisierung der demokratischen Republik ist heute je nach Situation konservativ oder reaktionär.
Die ökonomischen und politischen Probleme, mit denen der einzelne Mensch sich auseinanderzusetzen hat, werden ihm von der Lebensrealität der ihn umgebenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung diktiert - in den ANTWORTEN, die er auf diese Probleme formuliert, hat er dagegen einen großen Spielraum, ansonsten wäre es ja ganz überflüssig, Agitation dafür zu treiben, dass diese Antworten revolutionär und progressiv ausfallen.

Weiter geht es:

"Der ML knüpft bei Marx und Engels an zwei richtige Inhalte an, verwandelt diese aber in völlig andere Inhalte. Einmal hat Marx herausgestellt, dass es in der kapitalistischen Gesellschaft ökonomische Gesetzmäßigkeiten gibt, denen sich die Menschen unterordnen müssen und sie haben nicht einmal ein Wissen darum, was sie tun. Damit hat er aber etwas Charakteristisches über diese Gesellschaft ausgesagt, nicht aber über alle Gesellschaften überhaupt.
Zum zweiten hat sowohl er als auch Engels gesagt (letzterer auch explizit), dass die Freiheit des Menschen nicht in der Ignoranz gegenüber den Naturgesetzen besteht, sondern darin, diese zu verstehen und für sich nutzbar zu machen. Nicht im Ignorieren der Gesetze besteht die Freiheit gegenüber der Natur, sondern in der Einsicht in die Notwendigkeit. Letzteren Gedanken transponiert der ML auf die Gesellschaft. Er meint, dass auch hier Gesetzmäßigkeiten bestünden und die Freiheit sei darin zu finden, diese einzusehen und sie in der Unterordnung unter diese für sich nutzbar zu machen.
Der Unsinn: In der Gesellschaft hat der Mensch es mit seinesgleichen zu tun und nicht mit Natur.Der ML betont immer wieder, dass es keinen Determinismus gäbe, weil der Mensch die Geschichte macht. Gleichzeitig sagt er, dass der Mensch geschichtlichen Gesetzen untergeordnet ist. Dieser Widerspruch wird allerdings immer wieder in Richtung Determinismus aufgelöst."

Erstens behaupten Marx und Engels nicht, dass ALLE Menschen im Kapitalismus kein Wissen darum haben, was sie tun. Es gibt sowohl Bürgerliche mit ausgeprägtem bürgerlichem Klassenbewusstsein als auch ProletarierInnen mit ausgeprägtem proletarischem Klassenbewusstsein. Sie sagen lediglich, dass objektives Handeln für oder gegen die Interessen der eigenen Klasse und die Reproduktion des kapitalistischen Systems nicht VORAUSSETZEN, dass ich mir dessen bewusst bin. Ich kenne keine historisch bekannte Gesellschaftsform, in der das anders gewesen wäre und weiß nicht so recht, was die AutorInnen meinen, wenn sie davon sprechen, dass dieser Umstand nicht für alle Gesellschaften kennzeichnend sei.
"Deterministisch" ist der ML nur insofern, als er - wie oben bereits geschrieben - richtig feststellt, dass nur solche Ideen und Forderungen zu wirksamen politischen und gesellschaftlichen Kräften werden können, die eine Antwort auf drängende Probleme liefern, die sich aus den Produktionsverhältnissen einer Gesellschaft und deren politischem Überbau ergeben. Natürlich können Individuen sich auch utopischen Träumereien über politische Ideen hingeben, die gar keinen Bezug zu den realen ökonomischen und politischen Verhältnissen der Gegenwart haben, und gerade unter politisch inaktiven Intellektuellen, die vom bürgerlichen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft finanziert werden, aber weder persönliche Erfahrungen mit der kapitalistischen Produktion haben noch sich theoretisch ernsthaft mit dieser auseinandersetzen, ist das Erdenken phantastischer Idealgesellschaften im politischen Vakuum nicht selten, nur: Diese Ideen Einzelner werden niemals eine politisch und gesellschaftlich relevante Macht werden, wenn sie nicht mit den objektiven politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen korrespondieren. Nicht einmal dann, wenn es sich bei den UtopistInnen um geniale Köpfe wie Fourier und St.Simon handelt, die schon wesentliche Teile des Marxismus um Jahrzehnte antizipierten, unter den objektiven Bedingungen ihrer Epoche aber keinen nennenswerten praktischen Widerhall finden konnten.

Geradezu grotesk wird es dann, wenn die AutorInnen von der "Geschichtsteleologie" des ML sprechen:

"Im Historischen Materialismus konstruiert sich der ML eine Geschichtsteleologie (= ein Verlauf, der auf ein bestimmtes Ziel hinausläuft; telos=Ziel). Die Produktivkräfte bringen bestimmte Produktionsverhältnisse hervor. Diese wiederum begünstigen oder beschränken wiederum die Entwicklung der Produktivkräfte, so dass die Produktivkräfte dafür sorgen, dass die Menschen Interessen entwickeln, welche zu einer Umwälzung der Gesellschaft führen. So begründet sich für den ML der Treppenlauf der Menschheitsgeschichte von der Sklavenhaltergesellschaft zum Feudalismus, zum Kapitalismus, zum Sozialismus und schließlich zum Kommunismus.
Kritik: Dies ist „wissenschaftlicher" Optimismus und Opportunismus. Der eigene Erfolg ist quasi unabhängig von den Gedanken und Anstrengungen der Einzelnen geschichtlich verbürgt.4 Der Widerspruch des Optimismus ist immer der, dass er nur dort notwendig ist, wo der eigene Erfolg gerade nicht verbürgt ist. Wer kennt nicht den Ton-Steine-Scherben-Song „Wo die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten"?"

Die Annahme, dass der Übergang von einem Stadium in ein anderes sich automatisch mit naturgesetzlicher Notwendigkeit vollziehe, ist eine stalinistische Verzerrung des historischen Materialismus, mit der Marx, Engels, Lenin und Co nichts zu tun haben. Alle marxistischen Klassiker betonen immer wieder, dass es für den Übergang in die nächsthöhere Gesellschaftsform zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung sei, dass diese ein Stadium erreicht habe, in dem das System die weitere Entwicklung der Produktivkräfte nicht mehr fördert, sondern behindert. Damit sich dann auch tatsächlich der Übergang in das nächste Stadium vollzieht, muss ein revolutionärer Umsturz stattfinden, geführt von Menschen, die den bewussten Willen dazu haben, das alte System zu zerstören. Diese Revolution muss allerdings nicht eintreten: Die Krise eines anachronistischen Gesellschaftssystems kann, statt in ein fortgeschritteneres Gesellschaftssystem überzugehen, auch zu langem Siechtum und schließlich dem Untergang beider miteinander kämpfender Klassen führen, ohne dass eine der beiden sich entschieden durchsetzen konnte.

Gerade Lenin wurde nicht müde, immer wieder zu betonen, dass sich aus den ökonomischen Bedingungen, denen die ArbeiterInnen unterliegen, mehr oder weniger zwangsläufig nur ein trade-unionistisches, um ökonomische Reformen innerhalb des bestehenden Systems kämpfendes Klassenbewusstsein bilde, aber kein revolutionär sozialistisches. Das revolutionäre Bewusstsein unter den fähigsten ArbeiterInnen muss erst durch Agitation und Propaganda, durch Studium der sozialistischen Theorie entfacht werden und bildet sich nicht von alleine. Die von Marx, Engels und Lenin immer wieder betonte Notwendigkeit des subjektiven Faktors wurde erst in der stalinistischen Verzerrung des Marxismus immer mehr in den Hintergrund gedrängt - es ist nicht schwer zu erraten, weshalb Stalin und seine Bürokratie daran interessiert waren, die Bedeutung der eigenständigen revolutionären Aktion des Proletariats kleinzureden.

Dasselbe Missverständnis wird hier wiederholt:

"Der Opportunismus besteht darin, dass man damit Werbung macht, dass das eigene Projekt unausweichlich gewinnen wird und man damit auf der Seite der Sieger stehe. Nicht der Kapitalismus mit seinen schädlichen Folgen für viele Menschen ist das beste Argument gegen ihn, sondern seine untergehende Tendenz."

Der ML hält den Niedergang des kapitalistischen Systems in der Tat für zwingend, aber keineswegs den Sieg eines progressiveren sozialistischen Gesellschaftssystems. Sozialismus oder Barbarei usw.

"Der marxistisch-leninistische Geschichtsphilosoph ist immer auf der Suche nach untergehenden Tendenzen im Kapitalismus. So werden Krisen und Kriege nicht als das bestimmt, was sie sind: nämlich Resultate des funktionierenden Kapitalismus, in denen die Massen nochmal extra schlecht dran sind – sondern sie werden genommen als Ausdruck dessen, dass der Kapitalismus aus dem letzten Loch pfeift. Jeder Schlächterei wird so aber auch etwas Positives abgewonnen, sie sind dann Vorboten des Kommunismus und daher in „letzter Instanz fortschrittlich".
Im Übrigen ist diese Konsequenz als Versatzstück bei den Antideutschen erhalten geblieben, wenn sie ihre Urteile über die aktuellen Kriege des Westens von der Frage abhängig machen, ob die Herrschaft durch Saddam oder aber durch die USA eine bessere Vorbedingung für eine befreite Gesellschaft sei. Die Ähnlichkeit mit der Befürwortung des Kolonialismus durch viele damalige Sozialdemokraten in Deutschland hat seinen Grund in der gleichen falschen Geschichtsteleologie."

Die AutorInnen moralisieren hier statt zu argumentieren: Die Feststellung, dass der Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung in Kriegs- und Krisenzeiten wahrscheinlicher wird, bedeutet keineswegs, dass MarxistInnen deshalb diese Kriege herbeiwünschten. Dass Luxemburg und Lenin leidenschaftlich gegen die Schlächterei des Ersten Weltkrieges eintraten, hinderte sie nicht daran, in dessen Endphase die Gelegenheit zu nutzen, im Moment der von Krieg und Niederlage bewirkten völligen Diskreditierung der alten Gesellschaft deren Sturz in Angriff zu nehmen - in Russland erfolgreich, in Deutschland nicht.
Dass viele SozialdemokratInnen am Vorabend des Ersten Weltkrieges Kolonialismus und Militarismus guthießen, beweist nicht, dass sich eine solche Haltung aus der marxistischen Geschichtsauffassung ergebe, sondern im Gegenteil, dass die Degeneration der Partei damals schon so weit vorangeschritten war, dass ein großer Teil der SozialdemokratInnen den Marxismus völlig über Bord geworfen hatte und zu Liberalen mit sozialer Note geworden waren - siehe dazu die Schriften Rosa Luxemburgs, in denen dieser Prozess hervorragend dokumentiert und analysiert wird.

"Die Arbeiterklasse steht deshalb nicht alleine im Zentrum des ML, weil diese gute Gründe hätte, sich den Kapitalismus vom Hals zu schaffen, sondern weil sie der Träger einer historischen Mission sei: „Die Arbeiterklasse hat die Aufgabe, alle Formen von Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen aufzuheben, den Krieg aus dem Leben der Völker zu verbannen und die klassenlose kommunistische Gesellschaft zu errichten. Das ist ihr geschichtlicher Auftrag. Darin besteht ihre welthistorische Mission."

Darin ist jetzt ein widersprüchliches Interesse an der Arbeiterklasse formuliert: Einerseits ist die Arbeiterklasse der Träger des historischen Fortschritts quasi von gesellschaftlicher Natur aus. Andererseits, wenn das sowieso so ist, warum hat sie dann einen Auftrag und wer gibt ihnen den?""

Einen Widerspruch kann man im zitierten Satz wohl nur finden, wenn es mit der Lesekompetenz hapert: Im Zitat wird ausgedrückt, dass es die Aufgabe der Arbeiterklasse sei, Träger des historischen Fortschritts zu sein. Davon, dass sie dieser Aufgabe unbedingt gerecht werde, steht da nichts - die Kritik geht am Zitat also völlig vorbei.

Link zum Text:

https://gegen-kapital-und-nation.org/der-historische-materialismus-%E2%80%93-eine-antirevolution%C3%A4re-revolutionstheorie

26.6.14 13:53
 
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