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Schwarzrotgoldener Pogrompatriotismus

Es brauchte nicht viel historische Vorbildung, um sich bei dem Bild an die rohe nationalistische Protzerei der wilhelminischen Zeit erinnert zu fühlen: Vor dem Brandenburger Tor posiert die nach Erringung des Weltmeistertitels zurückgekehrte deutsche Nationalmannschaft und äußert nicht etwa ein Wort der Anerkennung für ein faires Spiel an die geschlagene argentinische Mannschaft, sondern verhöhnt sie auf derbe Weise, beklatscht von einer johlenden Masse Nationalflaggen schwenkender Patrioten, denen in diesen Tagen die Straßen der deutschen Großstädte gehören. Derweil werden aus dem ganzen Land rassistische Ausschreitungen gemeldet, bahnt sich die sieges- und biertrunkene schwarzrotgoldene Dampfwalze ihren Weg durch die Städte, alle Passanten belästigend, die sich nicht sofort lautstark mit ihr solidarisieren. Da ist er wieder: Der hässliche Deutsche, dessen Kollektivpsyche der eines pubertierenden Schlägers gleicht, der sich nur gut und sicher fühlt, wenn er erstens bewiesen hat, stärker als alle anderen auf dem Pausenhof zu sein und wenn er zweitens dem schon am Boden Liegenden noch den Fuß in den Nacken setzen und ihn demütigen und verhöhnen kann. An dieser auffallenden Grobschlächtigkeit und Taktlosigkeit des deutschen Nationaltaumels scheint sich von den Sedantagsfeiern bis zu den Public Viewing-Meilen nicht viel verändert zu haben.

Dieser pogromhafte bundesrepublikanische Nationalstolz, der nach der Wiedervereinigung eine erste Explosion erlebte und spätestens seit der WM 2006, als "Party-Patriotismus" verharmlost, endgültig in praktisch allen Klassen wieder salonfähig und vorherrschend geworden ist, unterliegt freilich keinen grundlegend anderen Mechanismen als der Nationalismus eines beliebigen anderen bürgerlichen Nationalstaates, aber selten trifft man die sich von Wilhelm Zwo bis Sarrazin ziehende abstoßende Kombination aus prahlerischer Kraftmeierei und paranoider Opferstilisierung: So wie der hysterische wilhelminische Nationalismus der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg sich aus der doppelten Quelle von Stolz auf die eigene Stärke und halb schmollender, halb zorniger Paranoia vor einer Welt aus verschworenen Feinden speiste (Welche Paranoia die wilhelminische Außenpolitik dann tatsächlich in eine Situation hineintrieb, in der fast die ganze Welt gegen es stand), so speist sich der neue schwarzrotgoldene Nationalismus des Fußballweltmeisters, der Hegemonialmacht Europas, des Exportweltmeisters einerseits auf Stolz auf den ungeheuren Ausbau der deutschen Machtposition in Europa, andererseits auf der wahnhaften Empörung über die schlechten inneren und äußeren Neider, die einem das bisschen "gesunden Patriotismus" einfach nicht gönnen wollen.

Und so phantasiert eine sich gerade am Fusel des Nationalismus ins Koma saufende, in flächendeckende schwarzrotgoldene Beflaggung gehüllte Republik erstens, dass "man sich in Deutschland ja nicht trauen dürfe, Patriot zu sein" und zweitens, dass die anderen Länder Europas sich in böswilliger, irrationaler Feindschaft und Missgunst gegen den alt-neuen Hegemon verschworen hätten, wobei nun in getreuer Wiederholung der wilhelminischen Konstellation gerade diese Psychose und das daraus resultierende Auftreten als herrischer, gestrenger Patron gegenüber einer Welt Undankbarer tatsächlich die antideutschen Ressentiments erst schafft. Die Wahnvorstellung, dass die in der EU halbdiktatorisch schaltende Hegemonialmacht des Kontinents mit ihrer in Europa konkurrenzlosen ökonomischen Macht, die die Staaten Südeuropas auf einen teilweise halbkolonialen Status degradiert hat, in Wirklichkeit das arme Opfer finsterer, gieriger südländischer Schurken sei, die die für diese schlechte Welt allzu große Güte und Naivität des verträumten deutschen Michels schamlos ausnutzen, geht so weit, dass eine Partei, deren Programm so gut wie ausschließlich aus dieser Annahme besteht, beste Aussichten hat, eine starke Präsenz im Bundestag aufzubauen.

Der Befund ist klar: Abgesehen von den Wiedervereinigungs- Fußballweltmeister- und Pogromjahren 1990/91 reitet Deutschland seit einigen Jahren auf der schlimmsten Nationalismuswelle seit dem Zweiten Weltkrieg, und dieses Gift sickert langsam, aber sicher in jede Pore seines Organismus ein, verkleistert im Inneren das soziale und politische Bewusstsein der Massen unter schwarzrotgoldener Sauce und legt außenpolitisch die Grundlagen für eine Situation, in der ein ebenso mächtiges wie arrogantes Deutschland sich wieder die Welt aus Feinden schafft, die in seiner Phantasie längst existiert - in der EU geht der Kurs Merkeldeutschlands scharf in Richtung "Deutschland plus ein paar kleine Vasallen wie Österreich und Finnland gegen alle anderen", und wieder, wie in jeder Krisensituation nach 1870, zeichnet sich ab, dass Deutschland zwar mächtiger als jedes andere europäische Land ist, gerade durch das auf dieser Stärke beruhende herrische Verhalten aber einen Zusammenschluss der anderen bewirkt, dem es nicht gewachsen ist (Und das französisch-spanisch-portugiesisch-griechisch-italienische Bündnis gegen Berlin wird in der EU irgendwann unvermeidlich kommen).

Innenpolitisch sind Phasen des starken Nationalismus immer Phasen des schwachen Klassenbewusstseins - der Sinn des patriotischen "WIR sind Weltmeister/WIR sind Papst/WIR sind Exportweltmeister"-Geschwätzes besteht ja gerade darin, die Existenz von Klassen mit diametral entgegengesetzten Interessen zu negieren und die Vorstellung eines homogenen nationalen Blocks zu schüren, in dem der milliardenschwere Aufsichtsratsvorsitzende und seine für 6€ pro Stunde schuftende Putzfrau angeblich im selben Boot sitzen und "an einem Strang ziehen", was nicht einmal so ganz verkehrt ist: Am Strang am Hals der verarmenden Mehrheit der deutschen proletarischen, subproletarischen und ärmeren kleinbürgerlichen Bevölkerung nämlich. Die ökonomischen und politischen Triumphe der herrschenden großbürgerlichen Elite Deutschlands sind Triumphe, die direkt gegen und über die Mehrheit der deutschen Bevölkerung errungen wurden: Die aktuelle Stellung der als Herren Europas auftretenden deutschen Bourgeoisie beruht gleichermaßen auf der Niederdrückung Südeuropas durch gemeinsame Währung und Austeritätspolitik sowie der eigenen Bevölkerung durch den von Schröder eingeleiteten Prozess der schrittweisen Absenkung der Sozialsysteme, Löhne und ArbeitnehmerInnenschutzbestimmungen in Richtung Schwellenland. Deutschland erlebt die paradoxe Situation, dass das Land, d.h. seine herrschende Klasse, dadurch immer mächtiger wird, dass es seiner Bevölkerungsmehrheit immer schlechter geht, während die Bosse in Berlin, München, Frankfurt und Düsseldorf immer phantastischere Milliardenvermögen anhäufen, die durch den demütigen Lohnverzicht ihrer Untergebenen erreicht werden.

Das Wesen des neuen Nationalismus des Exportweltmeisters besteht darin, die Mehrheit der Ausgebeuteten dazu zu bringen, jede ihrer Niederlagen als Sieg zu feiern. Selbstaufopferung der Armen zur Mästung der Bonzen - das ist die Art von patriotischem Idealismus, die Merkel und Gauck, FAZ und WELT gerne honorieren. Die große Mehrheit derjenigen, die die Fanmeilen füllen und die das Land in Schwarzrotgold tauchen, gehören nicht den herrschenden, sondern den beherrschten Klassen an, sie feiern ihre eigenen AusbeuterInnen und UnterdrückerInnen, ohne sich dessen deutlich bewusst zu sein.

Deshalb ist es für SozialistInnen dringend notwendig, zwischen dem Nationalismus als Ideologie und den meinungsbildenden Schichten, die ihn schüren einerseits und der Masse der von ihm Infizierten andererseits zu unterscheiden: Feindschaft gegen den Journalisten, den TV-Programmdirektor, den Politiker und den Professor, der ihn in die Welt setzt und anheizt, Aufklärung ohne belehrende Arroganz gegen diejenigen, die vom patriotischen Dauerbombardement dazu gebracht werden, Patriotismus als Surrogat für Klassenbewusstsein anzunehmen. Ein guter Teil der (uni)linken Kommentare zur WM war ganz einfach aufrichtige Abscheu akademischer, auf ihre kritische Reflektiertheit stolzer Bürgerkinder vor dem Pöbel, der noch nie ein kritisches Soziologieseminar belegt hat. Die Aufgabe von MarxistInnen besteht nicht darin, sich gegenseitig zu überbieten im Wettbewerb, wer die deftigste Ekelbekundung gegen den Mob findet und sich durch Nichtberühren der Schmutzkinder am reinsten erhält, sondern darin, die Verwandlung der patriotischen Fahnenschwenker von heute in die klassenbewussten RevolutionärInnen von morgen vorzubereiten, aus den schwarzrotgoldenen rote Flaggenmeere zu machen.

Es gibt keinen ewigen metaphysischen Nationalcharakter, auch keinen deutschen: Erhebliche Teile derjenigen, die 1914 in nationalistischem Taumel schwarzweißrot beflaggt durch Berlin gezogen waren, standen 1918/19 unter roter Flagge am Maschinengewehr, um dem schwarzweißroten Staat und seiner Gesellschaftsordnung den Rest zu geben - ebenso wie sich 1905 und dann noch einmal 1917 unzählige russische ArbeiterInnen und BäuerInnen innerhalb weniger Monate von frommen, antikommunistischen MonarchistInnen in antiklerikale, sozialistische Revolutionssoldaten verwandelten, die gegen die alte Gesellschaft oft mit unvergleichlich mehr Tapferkeit und Rückgrat antraten als irgendeine Koryphäe des bürgerlich-akademischen legalen Marxismus, die 1905 über den unaufgeklärten Mob lachte, die mit Heiligenbildern und Zarenportraits ihre bescheidenen Bittschriften übergeben wollte. Der Arbeiter, der Arbeitslose, der prekär Beschäftige, der Kleinrentner, der unter die Räder geratene Kleinbürger, der in seinem Leben nie irgendeinen Berührungspunkt mit linken Ideen und mit sozialistischer Literatur hatte, der weder Lenin gelesen noch kritische Soziologieseminare besucht hat und unter dem Trommelfeuer patriotischer Medien und Politiker irgendwann glaubt, Patriotismus habe irgendetwas mit kollektiver Solidarität zu tun, ist nicht in oberlehrerhaftem Ton zu ermahnen oder gar als Befleckter zu ignorieren und wegzustoßen, sondern darüber aufzuklären, dass der ihm vorgesetzte Patriotismus ein Schwindel ist, dass es dabei nicht um die Solidarität aller geht, sondern um seine eigene Abrichtung zur Befestigung der Macht und Bereicherung einer kleinen Minderheit staatstragender Räuber, schließlich: Dass er und ein griechischer oder französischer Arbeiter hundertmal tiefere gemeinsame Interessen besitzen als er und ein Deutsche Bank-Vorstandsmitglied.

Eine Linke, die nicht an die absolute Notwendigkeit und Möglichkeit solcher Aufklärung glaubt und stattdessen lieber gegenseitiges Schulterklopfen im geschlossenen Kreis der schon Erleuchteten sucht - eine solche Linke erklärt damit ihre eigene Sinnlosigkeit, denn andere Menschen zum Aufbau des Sozialismus werden nicht vom Himmel regnen.
17.7.14 11:55
 
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