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Zum 20. Juli: Der Graf und der Schreiner

In wenigen Tagen ist es wieder soweit: Zum 70. Jahrestag des gescheiterten Attentatsversuches auf Hitler wird die politische, diplomatische, militärische und kulturelle Führungsclique der Bundesrepublik mit allem Pomp und militärischen Ehren ihr Staatsidol hochleben lassen, den leidenschaftlich überzeugten Faschisten, Antisemiten, Rassisten und Antidemokraten Stauffenberg. Ein reaktionärer Junker aus der verrottetsten Gesellschaftsklasse Deutschlands, ein Bewunderer und militärischer Paladin Hitlers, der sich im letzten Moment umwandte, als seine großdeutsch-nationalistischen Interessen die persönliche Loyalität zu Hitler überwogen - das ist der nationale Held, den sich Gauck und Merkel, ARD und ZDF, FAZ und WELT, die Redakteure der Gymnasiallehrpläne und das diplomatische Korps des Landes zur Symbolfigur der Republik erkoren haben.

Geboren und aufgewachsen als Grafensohn auf einem Schloss, erzogen im Hass auf Demokraten und Kommunisten, auf Arbeiter und Juden, den Westen wie die Sowjetunion, umgeben fast nur von Grafen und Freiherrn, von reaktionären Offizieren und Diplomaten, gerät der junge Stauffenberg unter den Einfluss eines elitär-esoterischen Reichsmystizismus, wird gläubiger Jünger des Herrensöhnchenkreises um den reaktionären Dichter Stefan George. In der Atmosphäre der konservativen Revolution, deren vielleicht markanteste Repräsentation George war, saugt Stauffenberg mystisch gefärbten Narzissmus in sich ein, die Überzeugung, einer erlauchten geistigen und sittlichen Elite anzugehören, die mit berechtigter Verachtung auf den Pöbel hinunterblickt sowie auf so ungefähr alles, was sich in der Welt seit dem Großen Kurfürsten oder besser noch seit Barbarossas Tagen politisch und sozial verändert hat.

Sein geeignetstes Betätigungsfeld sieht Stauffenberg darin, Offizier in der kleinen Reichswehr der Weimarer Republik zu werden, in der sich fast nur die überzeugtesten bourgeoisen und adligen Reaktionäre und Antidemokraten sammeln, die auf Revanche für den "Dolchstoß" der Juden und Roten sinnen. Ideologisch gefestigter Rassist, Antikommunist und Militarist ist Stauffenberg schon zu diesem Zeitpunkt, dem Nationalsozialismus steht er dagegen noch skeptisch gegenüber, weil sich dort nicht nur standesgemäße Ritter, Freiherrn und Grafen sammeln, sondern auch schmutziger kleinbürgerlicher und bisweilen gar proletarischer Pöbel.

Bald schwindet dieses Misstrauen, als er erkennt, dass die Nazis die besten Aussichten habe, seine politischen Ideale zu verwirklichen. Stauffenberg schreibt damals: "Der Gedanke des Führertums, verbunden mit dem einer Volksgemeinschaft, der Grundsatz 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz' und der Kampf gegen Korruption, der Kampf gegen den Geist der Großstädte, der Rassegedanke und der Wille zu einer neuen deutschbestimmten Rechtsordnung erscheinen uns gesund und zukunfsträchtig."

Bei den Reichspräsidentenwahlen 1932, als Hindenburg gegen Hitler antritt, ist ihm der altpreußische Reaktionär und schwarzweißrote Kriegsheld Hindenburg bereits nicht mehr rechts genug und spricht er sich offen für Hitler aus, dessen Ernennung zum Reichskanzler knapp ein Jahr später ihn in Begeisterung versetzt. Nach der Machtergreifung der Nazis stürzt sich Stauffenberg sofort in die Aufgabe der Befestigung ihrer Macht. Zuerst leitet er militärische Ausbildungen zur Erhöhung der Schlagkraft der SA, dann, als die SA nach der Ermordung Röhms 1934 ihre Bedeutung verlor, wirkte er als Offizier und Organisator am Wiederaufbau einer deutschen Großmachtarmee mit und nahm 1938 als Generalstabsoffizier an der Annexion des Sudetenlandes teil.

Die Anzettelung des Zweiten Weltkrieges bezeichnet er ein Jahr später als "Erlösung", und freudig nimmt er am Raubkrieg gegen Polen teil. Von dort schreibt er in einem Brief an seine Frau: "Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam."

Nach der Teilnahme am Frankreichfeldzug, die ihm das Eiserne Kreuz erster Klasse einbringt, steigt Stauffenberg ins Oberkommando der Wehrmacht auf, wo er dafür eintritt, Hitler durch die Übertragung der militärischen Oberbefehlsgewalt endgültig eine grenzenlos despotische Machtfülle zu verschaffen und wo er überall für die Schaffung eines kontinentalen NS-Imperiums kämpft, vom Kaukasus bis Nordafrika.

Als Stauffenberg sich 1944 von Hitler abwendet, geschieht das nicht, weil sich an seiner Weltanschauung etwas Wesentliches geändert hätte, sondern weil er in der Beseitigung der NS-Spitze die einzige Möglichkeit sah, im Angesicht der sich abzeichnenden Niederlage einen Verhandlungsfrieden mit den Alliierten zu erreichen und damit Deutschlands Großmachtstellung zu retten. Die Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie nach dem Umsturz lehnt der eingefleischte Antidemokrat Stauffenberg energisch ab, von einer sozialistischen Umgestaltung Deutschlands natürlich ganz zu schweigen. Kurz vor dem Attentatsversuch formuliert Stauffenberg zusammen mit seinem Bruder, dass sein Hauptziel darin besteht, eine rigide Klassenherrschaft von Adel und Großbürgertum zu garantieren: "Wir [...] verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge. Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahebleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Missgunst überwindet." Mit diesem "Neid" wird wohl der abscheuliche Neid der ArbeiterInnen auf schwerreiche Großgrundbesitzer wie Stauffenberg gemeint sein, die ihre luxuriöse Muße nur gelegentlich zum gewerbsmäßigen Massenmord in Staatsauftrag unterbrechen.

Als die interne Streitigkeit zwischen den beiden Faschistenfraktionen mit Stauffenbergs Scheitern und seiner Erschießung enden, lauten seine letzten Worte: "Es lebe unser heiliges Deutschland!" Dieses Deutschland, das gerade anderthalb Kontinente verwüstet, tausende Städte in Schutt und Asche gelegt und sechs Millionen JüdInnen in den Gaskammern ermordet hat, war ihm noch im letzten Moment etwas Heiliges, das einigermaßen intakt gerettet werden muss, um irgendwann den nächsten Versuch unternehmen zu können.

So sieht die Laufbahn des Nationalheiligen der Bundesrepublik aus - ein Faschist, der einen anderen Faschisten aus dem Weg räumen will, als sich abzeichnet, dass Zweiterer ein Hindernis für die deutschen Weltmachtambitionen darstellt. Am 20. Juli werden im Berliner Bendlerblock wieder Bundeswehrrekruten ihren Eid auf die Verfassung ablegen, um am leuchtenden Beispiel Stauffenbergs zu lernen, was demokratisches Bewusstsein bedeute. Man könnte sie zur Erziehung in demokratischer Überzeugung auch gleich ihr Gelöbnis auf Ernst Röhm ablegen lassen, der ja immerhin auch von Hitler umgebracht wurde, aber der ist zu sehr vom Odium des Pöbelhaften umweht: Da eignet sich der schneidige aristokratische Junker Stauffenberg doch schon eher für die Identifikation der konservativen bundesrepublikanischen Eliten mit einem Faschismus minus Auschwitz.

Einen anderen Namen kennen dagegen fast nur noch HistorikerInnen: Georg Elser. Der stille, bescheidene kommunistische Handwerker, der 1939 Hitler aus Friedensliebe, Antirassismus und sozialem Bewusstsein zu töten versuchte, um den Krieg gleich zu seinem Beginn zu einem Ende zu führen statt erst in dem Moment, als sich zeigte, dass er Deutschlands Großmachtstellung nicht ausbauen, sondern beenden würde. Als Stauffenberg als Räuberhauptmann in Polen stand, seinen Ekel über den dortigen Juden- und Mischlingspöbel formulierte und sich auf die nun einsetzenden Lieferungen osteuropäischer Sklaven freute, baute Elser einsam an seiner Bombe, von keinem General und keinem Diplomaten unterstützt, damit wieder Frieden herrscht, damit die Verfolgung der JüdInnen aufhörte, damit es eine Regierung gab, die für Freiheit und die Interessen der ArbeiterInnen sorgt. Als Stauffenberg als Offizier in die Reichswehr eintrat, trat Elser in den antifaschistischen Roten Frontkämpferbund ein. Während Stauffenberg 1933 SA-Einheiten militärisch drillt, um ihnen mehr Schlagkraft in ihren Mordzügen gegen ArbeiterInnen und KommunistInnen zu verleihen, verweigert Elser vom ersten Tag der Machtergreifung an kategorisch den Hitlergruß. Stauffenberg fragte sich, was man mit dem jüdischen Pöbel in Polen anfangen solle, Elser fragte sich: "Warum plagt man die Juden so, warum macht man sie kaputt, die doch keinem etwas getan haben?" Während Stauffenberg noch in der Vorbereitung des Attentats verhindern will, dass ArbeiterInnen im neuen Deutschland frech werden könnten, gibt Elser zu Protokoll, dass am Beginn seiner Entschlossenheit zum Attentat seine Erbitterung über die kontinuierlich zunehmende Unterdrückung und steigende Ausbeutung der ArbeiterInnen durch die Nazis stand. Während Stauffenberg eine adlige und großbürgerliche Honoratiorendiktatur plante, formulierte Elser: "Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer [Hitler, Göring und Goebbels] andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land erobern wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden."

Elser wurde still und heimlich im KZ erschossen, und auch nach seinem Tod wurde er von der deutschen Öffentlichkeit ignoriert oder beschimpft, so 1999, als Lothar Fritze vom Hannah Arendt-Institut für Totalitarismusforschung Elser als Terroristen verurteilte und dafür nicht wenig Unterstützung aus konservativen Kreisen der deutschen Bourgeoisie bekam. Wenn sie am Sonntag im Bendlerblock den faschistischen Junker feiern, wird vom Schreiner, der den Frieden wollte, nicht die Rede sein.

18.7.14 13:20
 
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