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Revolution und Bürgerkrieg in Deutschland 1918-21 (Teil I)

Revolution und Bürgerkrieg in Deutschland 1918-1921 sind mittlerweile ein Stück verdrängter Geschichte. Sicher, das Thema wird in jedem Schullehrplan behandelt, und in jedem November darf Guido Knopp seine Festansprache über den steinigen Weg zur ersten Demokratie halten. Aber kaum eine bedeutende Periode der neuesten deutschen Geschichte wird in einer so verzerrten, ihren Charakter völlig umfälschenden Weise präsentiert. In der Regel nichts davon, dass es sich bei der Novemberrevolution um eine Revolution handelte, die sofort in eine Konterrevolution transformiert wurde und es sich bei der "ersten deutschen Demokratie" eben um die Frucht dieser siegreichen Konterrevolution handelte. Nichts davon, dass die deutsche ArbeiterInnenklasse nur über die Reaktion siegte, um dann von ihrer eigenen Führung betrogen und ebendieser Reaktion zum Fraß vorgeworfen zu werden. Nichts davon, dass Deutschland nach der Novemberrevolution einen erbitterten, drei Jahre lang immer wieder aufflackernden Bürgerkrieg mit tausenden Toten erlebte und nicht nur ein paar kleinere Turbulenzen in der schwierigen Anfangsphase, wie es die Schulgeschichtsbücher meist darstellen, die von Spartakus noch Notiz nehmen, aber kaum mehr von den Berliner Märzkämpfen oder der Schlacht ums Ruhrgebiet 1920, den blutigsten Schlachten, in denen sich in Mitteleuropa revolutionäres Proletariat und Staatsmacht jemals direkt als bewaffnete Feinde gegenüberstanden. Nichts davon, dass Europa durch das Scheitern der deutschen Revolution die Chance auf eine völlig andere, sozialistische, menschliche Zukunft verpasste, die dem ganzen Verlauf des 20. Jahrhunderts eine andere Richtung gegeben hätte. Nichts davon, dass vom Sieg der Freikorpstruppen der SPD, die Luxemburg und Liebknecht nebst zehntausend kommunistischen ArbeiterInnen im Namen der bürgerlichen Ordnung erledigten, eine direkte Linie nach 1933 und zur SS führt. Es kann also nicht schaden, einmal in einem kleinen Überblick die Grundtatsachen zurechtzurücken und zu skizzieren, was in Deutschland in diesen drei Jahren von 1918-1921 geschehen ist.

Einleitung: Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg

Die revolutionäre Periode von 1918-1921 kann nicht verstanden werden ohne einen Rückblick auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 und die Selbstzerstörung der traditionellen deutschen ArbeiterInnenbewegung.
Deutschland bewegte sich in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. (1888-1918) unaufhaltsam auf den Krieg zu. Wie jeder kapitalistische Nationalstaat im imperialistischen Stadium drängte die deutsche Bourgeoisie machtvoll nach Expansion, nach dem Aufbau neuer Kolonien, nach neuen Protektoraten, nach einer stärkeren Stellung seines Handels, der einflussreiche nationalistische alldeutsche Verband sogar offen zur kriegerischen Grenzerweiterung in Europa selbst. Zwei Faktoren verliehen diesen Expansionsbestrebungen der deutschen Bourgeoisie allerdings einen besonders aggressiven, gewaltsamen Charakter.

Erstens hatte sich das erst sehr spät, nämlich 1871 zu einem Nationalstaat vereinigte Deutschland erst zu einem Zeitpunkt als kapitalistische Großmacht konstituiert, als die traditionsreicheren Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland ihre Einflusssphären innerhalb wie außerhalb Europas schon weitgehend abgesteckt hatten - die neue Großmacht Deutschland platzte als allen unbequemer Störenfried plötzlich herein, und im Lauf weniger Jahrzehnte überflügelte sie alle anderen Großmächte, was deren Argwohn und ihr Angst um die angestammten alten Positionen verschärfte. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges war Deutschland das industriell stärkste Land Europas geworden, weltweit nur von den USA übertroffen. Es besaß das größte und stärkste Heer der Welt und nach Großbritannien die zweitstärkste Schlachtflotte. Sein technischer und wissenschaftlicher Entwicklungsgrad war zusammen mit den USA der wohl höchste aller Großmächte. Dieser in so beängstigend kurzer Zeit entstandene Koloss war bei Weitem stärker als jede andere europäische Großmacht für sich genommen, flößte gerade dadurch diesen Großmächten aber Angst ein und trieb sie dazu, sich miteinander gegen Deutschland zu verbünden - und das Bündnis mehrerer Großmächte musste sich als stärker erweisen als das zunehmend diplomatisch isolierte Deutschland.

Zweitens hatte die Außenpolitik Wilhelms II., der in seinen neo-absolutistischen Anwandlungen bedeutende Teile der Regierungsgeschäfte willkürlich selbst erledigte, alles dafür getan, diese ohnehin drohende Isolation Deutschlands möglichst zu forcieren, besonders nach der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler 1890, der es mit seinen komplizierten diplomatischen Jonglierkünsten geschafft hatte, Deutschland nicht nur mit dem 1866 besiegten Österreich zu versöhnen, sondern auch ein Bündnis mit Italien sowie dem russischen Zaren einzufädeln, der dem deutschen Kaiser politisch und weltanschaulich ohnehin viel näher stand als den liberalen westeuropäischen Demokratien. Es wäre durchaus möglich gewesen, der drohenden Isolation Deutschlands noch entgegenzuwirken, wie das von Wilhelm II. abgeschlagene Bemühen des russischen Zaren zeigte, das Bündnis mit Deutschland zu erneuern. Wilhelm wischte diese Bemühungen auf beleidigende Weise ab, stellte demonstrativ klar, dass Deutschland die gegen Russland gerichteten österreichischen Interessen auf dem Balkan stets unterstützen würde und begann sogar, die ökonomische Kolonisierung des Osmanischen Reiches durch das deutsche Großkapital (Stichwort Bagdadbahn) zu fördern, wodurch Deutschland im Nahen Osten direkt mit den imperialen Interessen sowohl Russlands als auch Großbritanniens zusammenprallte. So wandte Russland sich von Deutschland ab, verbündete sich mit Frankreich und schließlich auch mit Großbritannien und wurde immer abhängiger vom französischen Finanzkapital. Auch Großbritannien suchte in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nach einer engeren Kooperation mit Deutschland, wobei seine Absicht darauf zielte, Deutschland die Rolle als Hegemonialmacht Kontinentaleuropas zuzugestehen, wenn es dafür seine Kolonial- und Flottenambitionen zügelte, die die vitalen Interessen des britischen Empire trafen. Wilhelm wies auch das brüsk zurück, intensivierte die Flottenaufrüstung und riskierte in den beiden Marokkokrisen 1905 und 1911 leichtfertig einen Krieg mit den Westmächten, um Frankreich ein Stück Kolonialbesitz in Nordafrika streitig zu machen. Bis 1914 hatten sich Frankreich, Großbritannien und Russland in einer festen antideutschen Allianz zusammengeschlossen, während Deutschland als Bundesgenossen nur das schwache Italien (Das bei Kriegsausbruch außerdem zuerst neutral bleiben und dann nach besseren alliierten Beuteversprechen auf die alliierte Seite wechseln sollte) sowie Österreich-Ungarn, das durch seine ungelösten Nationalitätenkonflikte ständig vor dem inneren Zusammenbruch stand und als industriell schwach entwickeltes primäres Agrarland in einem modernen Großkrieg nur eine begrenzte militärische Rolle spielen konnte. In den Jahren vor 1914 glich ganz Deutschland einer riesigen Festung, die sich fieberhaft auf den Krieg vorbereitete, von dem klar war, DASS er kommen würde, nur nicht genau, WANN.

Niemandem war das klarer als der SPD, der größten, diszipliniertesten und am besten geschulten ArbeiterInnenpartei der Welt, die als solche Vorbild der meisten marxistischen ArbeiterInnenparteien Europas und die bedeutendste Sektion der Zweiten Internationale war. Trotz des selbst nach liberalen Maßstäben undemokratischen Wahlsystems war die SPD schließlich zur größten Partei im Reichstag geworden, mit einem Anhang von zig Millionen gut geschulten, gewerkschaftlich organisierten und kampfbereiten ArbeiterInnen. Aus Perspektive der deutschen Bourgeoisie war das eine furchteinflößende Macht, und nach jeder Wahl, aus der die SPD wieder mit neuen Zugewinnen hervorgegangen war, kamen unter hysterischen bürgerlichen und adligen Reaktionären Gedanken an einen präventiven Staatsstreich auf, an die Aufrichtung einer Militärherrschaft, um die drohende sozialistische Flut durch weißen Terror einzudämmen. Kaiser Wilhelm persönlich hatte davon phantasiert, der Sozialdemokratie mit Geschützen und Bajonetten entgegenzutreten. Aber hätten sie sich eingehender mit der inneren Entwicklung der Partei befasst, wäre ihnen bald klargeworden, dass die deutsche Sozialdemokratie ein Koloss auf tönernen Füßen war, eine Partei mit einer gewaltigen, potentiell unbesiegbaren Basis, aber einer völlig degenerierten Führung, die mit dieser Macht nichts anzufangen wusste. Offiziell verstand man sich immer noch als marxistische Klassenkampfpartei, deren Ziel im revolutionären Sturz des bürgerlichen Staates und der Aufrichtung der Diktatur des Proletariats bestehe. Tatsächlich aber hatte sich der von Eduard Bernstein in theoretische Form gebrachte Reformismus durchgesetzt, der de facto eine völlige Aufgabe des revolutionären Marxismus bedeutete und das Ziel nur noch darin sah, in einem in allem Wesentlichen intakten bürgerlich-kapitalistischen Staat "verantwortungsvolle" Regierungspartei zu werden, die durch mäßige Sozialreformen die kapitalistische Ausbeutung ein bisschen menschlicher machen, ansonsten aber mit bürgerlichem Kapitalismus im Inneren und aggressivem Imperialismus im Äußeren nicht brechen sollte. Viele SozialdemokratInnen sprachen nicht einmal mehr die kleinbürgerlich-demokratische Forderung nach einer Republik aus, sondern konnten sich nun auch eine konstitutionelle Monarchie vorstellen mit etwas verbesserter Sozialpolitik und einem verfassungsrechtlichen Rahmen, der außenpolitische Amokaktionen wie die Wilhelms II. unmöglich machen würde. Ja, manche SPD-Abgeordnete wurden ganz offen zu Sozialimperialisten, die den aggressiven Erwerb von Kolonien und Protektoraten durch das deutsche Kaiserreich guthießen, weil mit der dabei gewonnenen Beute umfassendere Sozialleistungen im Inland finanziert werden könnten.

Sicher, es gab auch leidenschaftliche revolutionäre MarxistInnen wie Rosa Luxemburg, die Bernsteins antimarxistisches Theoriegebäude in "Sozialreform oder Revolution?" einer vernichtenden Kritik unterzogen hat, die bis heute uneingeschränkte Gültigkeit für alle sozialreformerischen Utopien besitzt. Aber die Reaktionen auf Luxemburgs Kampf gegen Bernstein und Co zeigten, dass die MarxistInnen innerhalb der SPD-Spitze zu einer isolierten Minderheit geworden waren und die meisten ihrer Führungskräfte nicht mehr die soziale Revolution anstrebten, sondern ein geruhsames Leben als gut bezahlter Funktionär innerhalb des bestehenden Systems. Sogar Karl Kautsky, der nach Engels´ Tod 1895 als "Papst des Marxismus" galt, unterstützte Luxemburgs Kampf gegen den Reformismus nur halbherzig, und im Ersten Weltkrieg ging er offen ins Lager der sozialimperialistischen Reformisten über und brachte revolutionären MarxistInnen wie Luxemburg in Deutschland und Lenin in Russland nur noch Unverständnis entgegen. Es ist sicher zu simpel gedacht, für diese Degeneration der Partei einfach die persönliche Schlechtigkeit ihrer Führer verantwortlich zu machen - diese Führer waren durchaus repräsentativ für eine soziologische Entwicklung, die sich in Deutschland vollzogen hatte: Deutschlands Wirtschaftskraft war als eine der führenden Imperialmächte der Welt permanent gestiegen, und ein Teil dieser imperialen Beute fiel auch an die oberen Ränge der FacharbeiterInnen, der sogenannten Arbeiteraristokratie ab, die nun ein recht gutes Einkommen sowie gute Arbeits- und Lebensbedingungen hatten, ihre revolutionäre Energie mehr und mehr verloren, das System nicht mehr verabscheuten, sondern zu behäbigen, verbürgerlichten Patrioten wurden und darin der steigenden Masse der Angestellten ähnelten, die der SPD zuströmten und diese zunehmend zur Partei der Angestellten und privilegiertesten FacharbeiterInnen machten, kurz: zu einer ihrer Natur nach kleinbürgerlich-demokratischen Partei. Die Warnrufe revolutionärer MarxistInnen wie Luxemburg, Karl Liebknecht oder Clara Zetkin, dass diese komfortable Boomphase zeitlich begrenzt war, auf Krise, Krieg und Chaos zusteuerte und man sich auf die sich daraus ergebenden revolutionären Konsequenzen vorbereiten müsse, stießen auf ein schwaches Echo. Zwar hatte die SPD-Spitze noch auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Basel von 1912 feierlich geschworen, im Falle eines Krieges die ArbeiterInnen zum Kampf gegen den inneren Feind zu mobilisieren, nämlich die Bourgeoisie, die die Schuld am Krieg trägt, aber schon damals klang das nicht wenigen nach hohler Deklamation, und so war der moralische Zusammenbruch der SPD wie der ganzen Zweiten Internationale 1914 zwar ungeheuerlich, aber nicht unbedingt überraschend.

Als Deutschland und Österreich-Ungarn 1914 in den Angriffskrieg gegen Russland, Frankreich und Großbritannien um die imperiale Neuaufteilung der Welt zwischen den verschiedenen Kapitalblöcken traten, warf die SPD endgültig jeden marxistischen Ballast über Bord, stimmte in den patriotischen Jubel der Bourgeoisie ein, rief die ArbeiterInnen dazu auf, fürs Vaterland, d.h. die Kapitalinteressen der nach Weltmacht dürstenden deutschen Bourgeoisie, an die Front zu ziehen und bewilligte im Reichstag geschlossen die für den Angriffskrieg nötigen Kriegskredite. Nur ein einziger Reichstagsabgeordneter stimmte dagegen: Karl Liebknecht. Die SPD hätte alleine die Kriegskredite nicht verhindern können, und es ist auch fraglich, ob sie im Sommer 1914 eine revolutionäre Massenbewegung zur Verhinderung des Krieges hätte aufbauen können: Zwar stimmen die meisten Berichte der Zeit darin überein, dass der Kriegsjubel überwiegend aus bürgerlichen Kreisen kam und die ArbeiterInnen und BäuerInnen die Nachricht vom Kriegsausbruch eher bedrückt und sorgenvoll aufnahmen, aber sehr viele glaubten der Propaganda vom ungewollten Verteidigungskrieg und waren davon überzeugt, dass sie wohl oder übel kämpfen mussten, um zu verhindern, dass Deutschland von den Kosaken des Zaren geplündert und gebrandschatzt werde. Aber dadurch, dass die SPD nicht einmal den Versuch unternahm, gegen diese Stimmung anzukämpfen und sich uneingeschränkt mit der kaiserlichen Despotie im Interesse von Adel und Bourgeoisie verbündete, unterzeichnete sie ihr intellektuelles und moralisches Todesurteil und musste noch dem Letzten klarmachen, dass mit DIESER Partei kein fundamentaler Umsturz der Verhältnisse zu machen war. Die meisten anderen sozialdemokratischen Parteien Europas verhielten sich nicht weniger erbärmlich als die SPD. Millionen russische, deutsche, österreichische, französische und britische ArbeiterInnen und BäuerInnen zogen nun los, vier Jahre lang im Interesse ihrer Bourgeoisie ihre Klassenbrüder zu erschießen, zu vergasen, zu erstechen und niederzubomben - die Zweite Internationale starb in den Schützengräben in Frankreich und Russland.

Durch den von der SPD-Führung abgesegneten "Burgfrieden" wurden die bescheidenen demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen Deutschlands weitgehend außer Kraft gesetzt und das Land in eine Militärdiktatur umgewandelt, in der Streiks, Demonstrationen und Agitation für den Frieden Straftaten waren. Für die wenigen standhaften MarxistInnen in der Sozialdemokratie wie Luxemburg, Liebknecht und Zetkin war es nun kaum noch möglich, ihre Stimme laut werden zu lassen. Zu ihnen zählte auch Franz Mehring, der größte marxistische Historiker seiner Generation, der erst in fortgeschrittenen Jahren vom bürgerlichen Liberalen zum Marxisten geworden war, von da an bis zu seinem Tod aber unerschütterlich am revolutionären proletarischen Klassenkampf und der marxistischen Dialektik festhielt und ein enger politischer Freund Rosa Luxemburgs wurde. Mehring, der gleich nach Bewilligung der Kriegskredite zusammen mit Rosa Luxemburg ein Protestschreiben verfasst hatte, nutzte die Kriegsjahre, in denen keine freie politische Meinungsäußerung mehr möglich war, um seine 1918 vollendete klassische Marx-Biographie zu schreiben.
Luxemburg und Liebknecht versuchten 1915 mit der Zeitschrift "Internationale" eine kritische marxistische Stimme zu schaffen, aber gleich die erste Ausgabe wurde von den Behörden verboten und beschlagnahmt, Liebknecht als Soldat an die Front geschickt, während Luxemburg den Großteil des Krieges im Gefängnis verbrachte, zuletzt im Zuchthaus in Breslau, wo sie unter dem Pseudonym "Junius" in ihrer glänzenden Schrift "Die Krise der Sozialdemokratie" mit dem Bankrott der Sozialdemokratie abrechnete. Zwar konnte sie diesen Text wie einige kleinere Artikel aus dem Gefängnis herausschmuggeln und illegal herausgeben lassen, aber größere Verbreitung konnten sie unter diesen Umständen natürlich nicht finden. In Deutschland herrschte die Friedhofsruhe General Erich von Ludendorffs, des inoffiziellen Militärdiktators.


Es braut sich was zusammen: Der Krieg geht in die Endphase

Die bleierne Starre, die sich mit dem Burgfrieden über das politische und öffentliche Leben Deutschlands gelegt hatte, bekam erste Risse, als sich die militärische Situation zunehmend verschlechterte. Der deutsche Angriff auf Frankreich war 1914 in der Schlacht an der Marne kurz vor Paris von den Alliierten zurückgeschlagen worden. Seitdem befanden sich die deutschen Truppen in der Defensive und erstarrte der Krieg an der Westfront in jahrelangem Stellungskrieg aus tief ausgebauten Schützengräben, wo oft monatelang unter entsetzlichen Verlusten um ein paar hundert Meter Geländegewinn gekämpft wurde. Das Sterben und das Leid an der Front nahmen Dimensionen an, wie man sie aus keinem Krieg der bisherigen Geschichte kannte. Beim deutschen Versuch, die Festung Verdun zu erobern, verloren 1916 allein im Kampf um diese eine Stadt die Franzosen rund 380 000 Soldaten, die Deutschen etwa 340 000, um nach beidseitiger Erschöpfung in einem Patt zu enden, ohne an der Frontlage etwas Bedeutendes zu ändern. Bei der alliierten Offensive an der Somme ebenfalls im Jahr 1916 verloren die Briten und Franzosen rund 625 000 Soldaten, die Deutschen rund 465 000, und auch hier wurde die Offensive schließlich abgewehrt, um wieder in einem Patt zu münden. Allein am ersten Tag dieser Offensive verloren allein die britischen Truppen 20 000 Mann an Gefallenen und 36 000 an Verwundeten.

An der Westfront war der Krieg zu dem langwierigen Erschöpfungs- und Abnutzungskrieg geworden, den die deutsche Heeresführung unbedingt hatte vermeiden wollen, denn ihr war klar, dass die Rüstungskapazitäten der Alliierten in einem solchen langen Armdrücken schließlich die Oberhand gewinnen mussten und es deswegen notwendig gewesen wäre, sie in einem schnellen Schlag niederzuwerfen, bevor sie voll mobilisieren konnten. Obwohl die ganze deutsche Wirtschaft auf totale Kriegsproduktion umgestellt wurde und alle Ressourcen bis zum Letzten ausgenutzt wurden, um immer neue Millionen von Gewehren, Geschützen, Patronen, Granaten und Sprengstoffen an die Front zu werfen, machte sich die britische Blockade Deutschlands immer schmerzlicher bemerkbar. Ironischerweise hatte sich ausgerechnet die deutsche Schlachtflotte, das lange gehegte Lieblingsprojekt des Kaisers, das soviel dazu beigetragen hatte, England zur Allianz gegen Deutschland zu treiben, als völlig nutzlos erwiesen, und nach einem einzigen Seegefecht gegen die Briten am Skagerrak hatte sich die deutsche Flotte in die Häfen zurückgezogen und überließ den britischen Schiffen die See, weil man sich einer Entscheidungsschlacht nicht gewachsen fühlte. So konnte die britische Flotte wirksam verhindern, dass Deutschland Nachschub an Rohstoffen und Lebensmitteln importieren konnte, und bald fehlte es an allen Ecken und Enden. Es war abzusehen, dass der abgeschnittenen deutschen Rüstungsindustrie irgendwann die Puste ausgehen musste, zumal die deutschen Bundesgenossen noch stärker schwächelten. Das eigentlich mit Deutschland verbündete Italien war, wie gesagt, erst neutral geblieben und dann GEGEN Deutschland und Österreich in den Krieg eingetreten, nachdem die Alliierten ihm als Belohnung größere Beute versprachen als die Mittelmächte. Das fragile, industriell schwach entwickelte Habsburgerreich war erwartungsgemäß kaum in der Lage, einen modernen, industrialisierten Großkrieg lange durchzuhalten und war eigentlich schon 1916 am Ende. Von da an musste Deutschland seinen Bundesgenossen, der immer mehr zum Klotz am Bein wurde, mit massiver finanzieller Unterstützung, Munitions- und Waffenlieferungen und schließlich direkten Truppenentsendungen stabilisieren und noch bis 1918 künstlich auf den Beinen halten. Das Osmanische Reich, das in den Jahren vor dem Krieg zu einer Art deutschem Protektorat geworden war, band zwar eine gewisse Zahl britischer Truppen im Nahen Osten und russischer Truppen im Kaukasus, konnte sonst aber nicht viel beitragen und ging ebenfalls sichtlich auf den totalen Kollaps zu. Das Bündnis mit Bulgarien schließlich hatte kaum militärischen Wert. So verfiel die deutsche Generalität auf immer verzweifeltere Mittel, den Krieg im Westen zu einer Entscheidung zu bringen, bevor Deutschland ökonomisch zusammenbrach. Beispielsweise wurden auf Drängen der Militärs mit den Kampfgasen Chlorgas und Senfgas die ersten chemischen Waffen entwickelt und eingesetzt, deren militärischer Wert aber trotz ihrer oft grauenhaften Wirkung gering war, weil die Ausbreitung des Gases zu wetterabhängig und wenig steuerbar war. Eine andere neue Waffe war die massiv ausgebaute deutsche U-Bootflotte, die die englische Blockade durchbrechen, zahlreiche alliierte Versorgungsschiffe auf dem Atlantik versenken und damit den britischen und französischen Nachschub behindern konnte. Aber die U-Bootflotte reichte bei Weitem nicht aus, um den alliierten Nachschub wirklich zu gefährden, und noch dazu provozierte sie auf gefährliche Weise die USA, die ohnehin stark der alliierten Seite zuneigten, weil das britische Kapital mit dem amerikanischen eng verbunden war und Großbritannien und Frankreich sich im Krieg bei den USA ungeheuer verschuldet hatten, was bedeutete, dass die USA im Falle eines deutschen Sieges durch den alliierten Zahlungsausfall in eine furchtbare Finanz- und Wirtschaftskrise stürzen würden. Die Stimmung für einen amerikanischen Kriegseintritt war 1915 beträchtlich angeheizt worden, als ein deutsches U-Boot den großen Passagierdampfer "Lusitania" versenkte, wobei unter den 1200 Todesopfern auch 128 amerikanische StaatsbürgerInnen ertranken.

Besser lief es an der Ostfront, und bald richteten sich die Hoffnungen vieler deutscher Offiziere besonders auf deren Entwicklung. Gleich im Sommer 1914 war eine große russische Armee in Ostpreußen einmarschiert, in der Kesselschlacht von Tannenberg aber von einer zahlenmäßig weit unterlegenen deutschen Armee unter Paul von Hindenburg eingekreist und vernichtet worden. Gegen das wirtschaftlich und militärisch viel schwächere Österreich im südlichen Frontabschnitt konnte Russland zwar noch einige größere Siege verbuchen, aber im nördlichen Frontabschnitt ging Deutschland rasch zur Offensive über und drängte die Russen erst langsam, ab 1916/17 aber mit immer höherem Tempo zurück. Zudem hatte Rumänien sich 1916 unklugerweise entschlossen, auf alliierter Seite in den Krieg einzutreten, was den Deutschen Gelegenheit gab, fast das ganze Land zu besetzen, die bedeutenden rumänischen Ölquellen und andere wichtige Rohstoffe in ihre Hand zu bekommen. Die Niederlage Russlands zeichnete sich ab, und das unfähige Regime des Zaren wurde immer instabiler und 1917 durch die Februarrevolution weggefegt (Siehe dazu meinen Blogeintrag zu Russlands Weg in die Revolution). Die russische Armee fiel durch Massendesertionen auseinander, und die deutschen Truppen konnten nun ohne ernsthaften Widerstand immer tiefer ins russische Riesenreich vorstoßen, während in Russland nach der Oktoberrevolution der Bürgerkrieg zwischen Roter Armee und Weißen Garden entbrannte. Lenin hatte nach der Oktoberrevolution das Verlangen der russischen ArbeiterInnen und BäuerInnen erfüllt und war in sofortige Friedensverhandlungen eingetreten, die Anfang 1918 schließlich in den Diktatfrieden von Brest-Litowsk mündeten, in dem Russland riesige Territorien an Deutschland abtreten musste. Ganz Polen, Weißrussland, die Ukraine, das Baltikum und Finnland wurden Deutschland zugeschlagen, und die bürgerlichen Regierungen der kaukasischen Kleinstaaten, die sich von Russland abgespalten hatten, nahmen Deutschland bereitwillig als Schutzmacht an. Lenin hatte sich gegen große Widerstände unter den Bolschewiki zu diesem harten Friedensschluss durchgerungen, weil er richtig erkannte, dass das deutsche Kaiserreich ebenfalls vor dem inneren Zusammenbruch stand, die deutsche proletarische Revolution sich ankündigte und es letztlich unwichtig sei, ob das zerfallende Kaiserreich vor seinem Untergang noch etwas weiter expandierte. Diese Einschätzung sollte sich als korrekt erweisen, aber die deutsche Generalität versetzte Brest-Litowsk in euphorische Hochstimmung.

Zwar waren - nach einem halbherzigen, nicht ernsthaft betriebenen Friedensangebot Deutschlands 1916 an Frankreich und Großbritannien, in dem unannehmbare Bedingungen aufgestellt worden waren und nach der Wiederaufnahme des unbeschränkten U-Bootkrieges - die USA 1917 in den Krieg gegen Deutschland eingetreten, aber bisher hatten sie erst geringe Truppenverstärkungen nach Frankreich transportieren können. Wenn Deutschland jetzt all seine Truppen von der Ostfront abziehen und nach Frankreich werfen würde, bestand noch einmal eine realistische Aussicht, den Krieg auch im Westen doch noch gewinnen zu können, zumal sich die deutsche Rohstoffbasis durch die riesigen Eroberungen im Osten deutlich verbessert hatte. Auch die Bundesgenossen, besonders Österreich, das schon heimlich die Fühler nach einem Separatfrieden ausgestreckt hatte, waren jetzt bereit, noch einmal zu einer letzten Kraftanstrengung durchzuhalten - wenn Deutschland im letzten Moment doch noch siegte, wollte man bei der Beuteverteilung nicht fehlen. Aber Deutschland zog nur einen Teil seiner Truppen von der Ostfront ab und ließ eine gewaltige Armee weiter in Russland, die nun, da die russische Armee sich endgültig aufgelöst hatte und ihre Reste sich im Bürgerkrieg gegenseitig in Schach hielten, einen unglaublichen Siegeszug antrat. Die deutsche militärische und politische Führung konnte der Versuchung nicht widerstehen, diese einzigartige Chance eines völlig wehrlosen Russlands auszunutzen und zusammenzuraffen was nur ging. Innerhalb weniger Monate stießen die deutschen Truppen bis Rostow am Don vor und bereiteten sich darauf vor, in den Kaukasus einzumarschieren. Unter deutschen Generälen, Diplomaten, alldeutschen Propagandisten und reaktionären Journalisten wuchsen nun Pläne, ganz Russland zu erobern, ein gigantisches deutsches Kolonialreich im Osten aufzubauen, aus Russland ein "deutsches Indien" zu machen. Diese Ideen, ganz Russland zu einem für Deutschland schuftenden Sklavenland zu machen, nehmen schon auf beängstigende Weise die deutsche Ostpolitik der Nazis vorweg. Aber dieses erste deutsche Ostimperium brach gleich nach seiner Begründung wieder zusammen, denn während man die Eroberung des Kaukasus plante, ging in Frankreich gerade der Krieg verloren.

Zwar hatte die deutsche Führung nur einen Teil der Truppen von der Ostfront abgezogen, aber trotzdem besaßen die Deutschen durch die aus Russland eingetroffenen Verstärkungen im Frühjahr 1918 zum erstenmal eine leichte zahlenmäßige Überlegenheit an der Westfront. Im März 1918 begann die deutsche Großoffensive in Frankreich, die zunächst sehr erfolgreich verlief. Die deutschen Armeen stießen in kurzer Zeit 65 Kilometer vor, weiter als es bisher irgendeiner alliierten Offensive gelungen war. Einige Tage lang herrschte in den alliierten Generalstäben Panik und schien Paris, wo nun deutsche Artilleriegeschoße einschlugen, wieder in Gefahr zu sein. Aber nach einer Woche blieb die Offensive stecken - die deutsche Logistik war überfordert und die Soldaten konnten nicht mehr. Anfang April unternahm man einen neuen Versuch, wieder erzielte man einige Anfangserfolge, aber diesmal blieb die Offensive schon in den ersten Tagen stehen. Dann Ende Mai ein dritter Versuch, der von den Alliierten sofort abgeschlagen wurde. Die deutsche Offensive war gescheitert und der Krieg damit de facto verloren. Zudem war der vorübergehende Erfolg blutig erkauft: Die Deutschen verloren dabei rund eine halbe Million Soldaten. Zwar waren die alliierten Verlust noch höher, aber die Alliierten konnten diese Verluste durch den Kriegseintritt der Amerikaner, die nun Millionen frischer, hervorragend ernährter und ausgerüsteter Soldaten nach Frankreich schickten, leicht ausgleichen, das nach vier Jahren Zweifrontenkrieg ausgebrannte Deutschland dagegen nicht. Die Disziplin in der deutschen Armee, die noch intakt geblieben war, solange die Soldaten hoffen konnten, dass diese Offensive der letzte Kampf sein würde, brach nun mehr und mehr zusammen. Die oft seit vier Jahren ununterbrochen im Schützengraben sitzenden, miserabel ernährten, verlausten Soldaten hatten nun entschieden die Schnauze voll und waren nicht mehr bereit, in einem offensichtlich verlorenen Krieg weiter zu leiden und zu sterben. Zwar löste sich die Armee nicht so rapide auf wie die russische 1917 und hielten die Deutschen bis zum Kriegsende eine nun ständig zurückweichende, aber einigermaßen zusammenhängende, geschlossene Frontlinie, doch die Soldaten leisteten passiven Widerstand, ignorierten die Befehle ihrer Offiziere, ergaben sich zu hunderttausenden den Alliierten, zigtausende desertierten, teils kam es sogar zu offenen Revolten. Immer häufiger hörte man aus deutschen Schützengräben den grimmig entschlossenen Satz "Wir müssen es machen wie in Russland die Bolschewiki". Als die Alliierten im August 1918 in einer neuen Großoffensive, verstärkt durch massenhaft frische amerikanische Truppen und mit großen Mengen der neuen Panzer, gegen die die Infanterie wehrlos war und von denen die Deutschen nur ganz wenige besaßen, auf breiter Front die deutschen Linien durchbrachen, konnten die deutschen Generäle die bevorstehende Niederlage nicht mehr ignorieren.

Der erste Gedanke der deutschen Offiziere, besonders des de facto-Militärdiktators Ludendorff, bestand darin, die Verantwortung für die sichere, unmittelbar bevorstehende Niederlage weit von sich zu schieben, indem sie im richtigen Moment von der Bühne abtraten.

Innenpolitisch hatte sich seit 1916 einiges getan. Als die Versorgungslage immer schlechter und die militärischen Aussichten düsterer wurden, hatte sich von der SPD die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) unter Hugo Haase und Georg Ledebour abgespalten, die für einen möglichst schnellen Friedensschluss ohne Annexionen eintrat und in der sich bald das meiste sammelte, was es noch an einigermaßen aufrechten SozialistInnen in der Sozialdemokratie gab, nachdem schon 1915 und 1916 auf den Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal in der neutralen Schweiz sich die sozialistischen, antiimperialistischen Reste der Zweiten Internationale versammelt hatten, um die Reorganisation der SozialistInnen in die Wege zu leiten (Auch Lenin und Trotzki waren unter den Delegierten). Die Stimmung für die Gründung einer solchen neuen linken Partei war 1917 günstig. Die einfache Bevölkerung Deutschlands litt unter den kriegsbedingten Versorgungsengpässen entsetzlich, im Winter 1916/17, dem sogenannten "Steckrübenwinter", waren zehntausende Menschen verhungert und erfroren, und am Rand der Unterernährung befand sich die große Bevölkerungsmehrheit. In dieser Situation besannen sich viele ArbeiterInnen wieder ihrer von der Kriegs-SPD unterdrückten sozialistischen Schulung, ihre wenn überhaupt vorhandenen patriotischen Gefühle schwanden und ihr Hass auf die bourgeoisen und adligen Kriegsprofiteure wuchs, die phantastische Gewinne machten, während sie hungerten, und die ihre Söhne hunderttausendfach zur Durchsetzung ihrer Weltherrschaftsphantasien in den Tod schickten. Im April 1917 und dann wieder im Januar 1918 kam es in Deutschland zu gewaltigen Rüstungsarbeiterstreiks, gegen die die Polizei machtlos war. Der Januarstreik 1918, der von der jungen USPD und dem 1916 gegründeten kommunistischen Spartakusbund (Damals der linke Flügel innerhalb der USPD) gefördert wurde, stieß auf die entschiedene Ablehnung der SPD-Führung und der ihr unterstehenden Gewerkschaften, die die ArbeiterInnen anschnauzten, das bisschen Hunger mit Fassung zu tragen und stramm weiter für den Endsieg zu arbeiten. Begleitet wurde die Bewegung von Massendemonstrationen und der Bildung erster, von den russischen Sowjets inspirierter Arbeiterräte. Revolutionäre Stimmung lag in der Luft, und immer mehr ArbeiterInnen trugen stolz rote Fahnen und erklärten, dass man das, was die Bolschewiki in Petersburg vollbracht hätten, in Berlin mindestens genausogut könne. Die Situation wurde erst entschärft, als Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann von der SPD in die Streikleitung eintraten und ihre bei weiten Teilen des Proletariats noch nicht zerstörte Autorität dazu missbrauchten, die ArbeiterInnen zur Aufgabe des Streiks zu überreden, woraufhin Polizei und Militär den Rest auseinandersprengen konnte (Ebert hat später gerichtlich bezeugt, von Anfang an nur zur Beendigung des Streiks in die Streikleitung gegangen zu sein). Wenn diese revolutionäre Situation also auch noch einmal entschärft werden konnte, bildete sich im Laufe des Jahres 1918 doch eine immer größere radikale Fraktion unter den ArbeiterInnen, die den Verrat der Sozialdemokratie voll erkannte und die Bolschewiki als ihr Vorbild sah, die nicht nur Frieden, sondern auch eine sozialistische Räterepublik, ein Sowjetdeutschland wollte.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums hatte sich auch die bürgerliche Rechte immer weiter radikalisiert. Je länger der Krieg dauerte, desto maßloser wurden die Annexionsforderungen der Alldeutschen und ihrer SympathisantInnen, die nun ein riesiges Ostimperium, die Zerstückelung Frankreichs, die Annexion Belgiens, den Balkan als deutsches Protektorat und ein gigantisches deutsches Kolonialreich in Afrika forderten. Diese überzogenen Forderungen der reaktionären, einflussreichen Bourgeoisie hatten schon 1916 die Friedensinitiative von Reichskanzler Bethmann-Hollweg zum Scheitern verurteilt, und auch mit immer hoffnungsloserer Kriegslage ließen sie von ihren Vorstellungen nicht ab. Je schlechter es an der Front stand, desto mehr wuchs der paranoide Hass der bürgerlichen Rechten gegen Kommunisten und Juden, deren Wühlarbeit schuld an der einbrechenden Moral sein sollten. Dass der verlorene Krieg, der Hunger und die Millionen Todesopfer der Grund für die Kriegsmüdigkeit sein könnten, auf diese Idee kamen sie nicht. Die deutsche Gesellschaft spaltete sich 1918 langsam, aber sicher in zwei zum Bürgerkrieg bereite feindliche Lager.

In dieser Situation, als die militärische Niederlage klar war und es nun darum ging, wie es danach in Deutschland weitergehen würde, eröffnete Ludendorff dem bestürzten Kaiser, dass der Krieg verloren sei und man sofort in Friedensverhandlungen mit den Alliierten eintreten müsse, wenn man noch eine Invasion Deutschlands verhindern wolle. In einem genialen Schachzug setzten der allmächtige Ludendorff und seine Offiziersclique dem Kaiser quasi die Pistole auf die Brust und verlangten von ihm umfassende Reformen im Sinne eines parlamentarischen Systems, weil man nur so eine Revolution vermeiden könne. Eine Rolle spielte auch die Überlegung, dass die Alliierten mit einer demokratischen oder demokratisch aussehenden Regierung eher in Verhandlungen eintreten würden als mit dem alten Staat der Junker und Generale. Der Erzreaktionär Ludendorff, der später zusammen mit Hitler gegen die Republik putschen sollte, war sicher nicht über Nacht zum Demokraten geworden - aber wenn man die Niederlage nicht ihm anlasten sollte, dann war es nötig, im letzten Moment noch schnell eine Art Republik zu installieren, die dann nichts mehr zu tun haben würde als die Kapitulation zu unterzeichnen, den allgemeinen Hass auf sich zu ziehen und damit von ihm, Ludendorff, abzulenken. Gesagt, getan: Wilhelm erließ weitgehende Reformen, die den Reichstag stärkten und Deutschland zu einem quasi-parlamentarischen Staat machten, an dessen Spitze als Reichskanzler der liberale Prinz Max von Baden bestellt wurde, der sich an den amerikanischen Präsidenten Wilson richtete, um Friedensverhandlungen aufzunehmen. Kurz darauf machte Ludendorff allerdings eine Kehrtwendung und forderte - wohl um seine Reputation unter den Reaktionären zu sichern - eine Weiterführung des Krieges und fanatischen Widerstand bis zum letzten Mann. Doch die Regierung Max von Badens hatte von diesen Spielchen die Nase voll, und mit Zustimmung des Kaisers wurde Ludendorff entlassen.

Der Kaiser war als Marionette zwar noch im Amt (Wenn er sich auch sicherheitshalber aus Berlin ins deutsche Hauptquartier in Belgien geflüchtet hatte), aber in Deutschland herrschte nun eine primär aus bürgerlichen liberalen Demokraten gebildete parlamentarische Regierung, der mit Philipp Scheidemann und Gustav Bauer auch zwei Sozialdemokraten angehörten - als getreue Regierungspartei des Hohenzollernkaisers hatte die sich offiziell immer noch als "marxistisch" verstehende SPD das Maß ihrer Entwürdigung endgültig vollgemacht. Ursprünglich hatte Max von Baden sogar angeregt, Friedrich Ebert zum Reichskanzler zu machen, weil niemand besser als ein Sozialdemokrat geeignet wäre, die drohende soziale Revolution abzuwürgen. Doch diese Kanzlerschaft Eberts wurde auf bizarre Weise verhindert: Die Kaiserin meldete sich gleich nachdem sie von diesem Plan gehört hatte telefonisch beim Prinzen und drohte ihm, seine Homosexualität öffentlich zu machen, wenn von einem sozialdemokratischen Reichskanzler noch einmal die Rede sei. Als Max von Baden nach einem Nervenzusammenbruch am 3. November wieder die Amtsgeschäfte übernahm, sollte diese fragile monarchisch-bürgerlich-sozialdemokratische Regierung nur noch wenige Tage bestehen. Am 9. November 1918 brach in Deutschland die Revolution aus.

16.12.14 18:57
 
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