Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Letztes Feedback
   19.06.18 12:59
    casino online online ca
   26.06.18 08:08
    Deshalb habe ich mich au
   30.08.18 07:02
    Wie ist die Chocolate Sl
   6.10.18 04:41
    slot game online casino
   6.10.18 04:42
    slot game online casino
   15.10.18 09:50
    Du schreibst: >Wenn die



https://myblog.de/blog-proleter

Gratis bloggen bei
myblog.de





Bomber Harris, do it again?

Mit schöner Regelmäßigkeit steht im linken Kalender der Februartermin "Dresden" an, der sich auf zwei Ebenen abspielt. Erstens als Auseinandersetzung der gesamten Linken mit Rechtsextremen und RevisionistInnen, die zum Jahrestag des Luftangriffs ihr Gefasel vom "Bombenholocaust" aus der Mottenkiste holen und Deutschland als das eigentliche Opfer des Krieges zu präsentieren versuchen. Im Kampf gegen dieses alljährliche rechte Publicity-Event hat die organisierte und nichtorganisierte Linke in den vergangenen Jahren einige ihrer größten medialen und gesellschaftlichen Erfolge erzielt und die Rechten in die Defensive gedrängt. Die Gegendemos in Dresden sind ein Beispiel für gut gelungene linke Massenmobilisierungen.

Die zweite Ebene spielt sich innerhalb des linken Milieus selbst ab und dreht sich im Wesentlichen um die Frage: Geht man im Februar nur auf die Straße, um den Rechten Paroli zu bieten und ihrem Geschichtsrevisionismus entgegenzutreten oder auch, weil man den Luftangriff selbst, Harris, Churchill und Co als etwas an sich Gutes und Feiernswertes betrachtet? Den harten Kern der "Bomber Harris, do it again"-Fraktion bilden natürlich Antideutsche und Autonome, deren krauses Geschichtsbild dabei allerdings weit über ihre enge Kernklientel hinaus ausstrahlt und oft weitgehend unwidersprochen bleibt, selbst von ernsthaften MarxistInnen, denen die Auseinandersetzung es nicht wert zu sein scheint, sich dem Risiko auszusetzen, von den Autonomen verleumdet zu werden, die Gegnerschaft zu den aufmarschierenden Nazis aufzuweichen, wenn sie die Form der antideutschen und autonomen Argumentation einer marxistischen Kritik unterziehen. Aber erstens können szeneinterne Codes und Signalworte kein Maßstab für MarxistInnen sein, kann die Zustimmung oder Missbilligung durch antideutschen Mob nicht das Kriterium sein, an dem sich die Notwendigkeit und Legitimität einer Kritik auszurichten hat. Natürlich kann es dabei auch in erster Linie nicht um den Fall Dresden selbst gehen, sondern um die in der deutschen und österreichischen Linken weit verbreiteten theoretischen Konfusionen, die in dieser Auseinandersetzung ihren praktischen Niederschlag finden.

Was haben MarxistInnen nun am "Bomber Harris, do it again"-Ritual auszusetzen? Erstens, der offensichtlichste Einwand: Ein Offizier einer imperialistischen Großmacht, der seine Laufbahn durch massenhafte Abschlachtung antikolonialistischer Aufständischer im Nahen Osten begann und unter einem bzgl. Spaniens und Italiens offen profaschistischen Premierminister nur gegen das Dritte Reich kämpfte, weil der Nationalsozialismus unglücklicherweise in einem Land an die Macht gelangte, das sich in außenpolitische Konkurrenz mit Großbritannien begab, kann unter keinen Umständen eine Identifikationsfigur für ernsthafte Linke sein, und sei es auch nur, um damit Nazis zu provozieren. Aber selbst wenn Harris und Churchill keine so offen abstoßenden rassistischen, ultrareaktionären AntikommunistInnen gewesen wären, selbst wenn persönlich nette linksliberale Intellektuelle an der Spitze der britischen Regierung gestanden hätten, dürfen MarxistInnen nicht in naive Begeisterung für einen bürgerlichen Staat verfallen, der niemals aus moralischen Gründen handelt und auch den Zweiten Weltkrieg nicht aus Empörung über die NS-Verbrechen führte, die Churchill völlig gleichgültig gewesen sein werden, sondern aus Angst um seine von der neuen NS-Großmacht gefährdeten geopolitischen Machtpositionen. Wäre der Nationalsozialismus in einem schwachen Kleinstaat oder einer mit Großbritannien verbündeten und außenpolitisch eng zusammenarbeitenden Großmacht an die Macht gelangt, hätten Churchill und sein Stab ihn höchstwahrscheinlich mit offenen Armen als Alliierten begrüßt, denn wie aus den Proklamationen, öffentlichen Reden und Memoiren der führenden britischen und amerikanischen Spitzenpolitiker der Zeit zweifelsfrei hervorgeht, betrachteten sie alle den Kampf gegen den Kommunismus und die Vernichtung der Sowjetunion als ihre eigentliche Lebensaufgabe, in der ihnen das Dritte Reich als lästiges Hindernis ärgerlicherweise in die Quere kam - lieber hätte man es in diesen Kampf irgendwie integriert. Gerade bei Churchill, der im Sommer 1945 die Gelegenheit nutzen wollte, die einmal mobilisierten westalliierten Armeen sofort aus Deutschland gegen die Sowjetunion weitezurführen und ihr den Todesstoß zu versetzen und dabei gleich plante, deutsche Soldaten und Wehrmachtsoffiziere für diesen Krieg einfach zu übernehmen, tritt das in besonderer Offenheit zutage.
MarxistInnen müssen in ihren Bewertungen trennen können zwischen den Wirkungen und der Motivation des Verhaltens bürgerlicher Staaten, in diesem Fall: Natürlich war die WIRKUNG des Kampfes der Westalliierten gegen das Dritte Reiche eine sehr positive, wurde doch die barbarischste denkbare Form bürgerlich-kapitalistischer Staatlichkeit von einer erheblich gelinderen Form bekämpft - aber die Motivation dieses Kampfes lag nicht in moralischen, sondern in rein machtpolitischen Einwänden gegen die Expansion des nationalsozialistischen Deutschland, was sich eben in der überaus positiven Haltung Londons und Washingtons gegenüber den faschistischen Regimen in Italien und Spanien zeigte, solange diese keine außenpolitischen Schwierigkeiten machten.

Die Bedeutung dieser Frage liegt weniger in einem historischen Urteil selbst als eher darin, dass sich in dieser bei Antideutschen und Autonomen ausgeprägten Bereitschaft, sich jubelnd mit in einer konkreten Situation relativ "guten" Imperialisten zu verbrüdern, die Tendenz der von diesen geprägten Teile der Linken ausdrückt, den bürgerlichen Staat unter bestimmten Bedingungen als Instrument der menschlichen Emanzipation schlechthin zu akzeptieren, und bei den Antideutschen bedeuten diese bestimmten Bedingungen: Wenn es sich um einen anderen bürgerlichen Staat als Deutschland und Österreich handelt. Über die historische Argumentation wollen Antideutsche zur Konklusion überleiten, dass der bürgerliche Staat sehr wohl auch in der Gegenwart noch Träger des historischen Fortschritts sein könne, lies zwischen den Zeilen: Der EINZIG mögliche Träger historischen Fortschritts, denn die Sowjetunion, deren Landstreitkräfte den Krieg militärisch zu so etwa vier Fünfteln gewannen, existiert für die meisten der Bomber Harris abfeiernden Antideutschen und Autonomen entweder gar nicht oder nur als Vorlage für mehr oder weniger subtile totalitarismustheoretische Scherze. Auschwitz wurde eben von der Roten Armee befreit und nicht von der US Army, wie es denn sowieso die hunderten sowjetischen Infanterie- und Panzerdivisionen waren, die das Dritte Reich zerbrachen und nicht die militärisch sinnlosen Flächenbombardements von RAF und USAF. Ohne die Rote Armee hätten die Westalliierten das Dritte Reich nicht besiegen können und sich irgendwann schulterzuckend mit seiner Großmachtstellung abgefunden, es wahrscheinlich irgendwie in eine breitere antikommunistische Front zu integrieren versucht. Diese Entstellung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, in der dann nicht mehr Stalingrad und Kursk als Wendepunkte des Krieges erscheinen, sondern die überflüssigen Flächenbombardements auf zivile Ziele in einem ohnehin schon unmittelbar vor dem militärischen Zusammenbruch stehenden Land ist eine besondere Form des Geschichtsrevisionismus, der das Kunststück unternimmt, die Geschichte des Krieges so zu erzählen, dass von der Roten Armee möglichst nicht die Rede ist und Churchill und Harris als Helden erscheinen, die Linke feiern können und sollen.

Nun bleiben die meisten Harris-FreundInnen aber ihrer eigenen Argumentationslinie kaum jemals treu und springen munter hin und her zwischen den beiden Positionen "Die Flächenangriffe der letzten Kriegsphase waren eben militärisch notwendig" und "Die Flächenangriffe der letzten Kriegsphase waren zwar nicht unbedingt militärisch notwendig, aber die ausnahmslos Hitler ergebene Volksgemeinschaft hat es eben nicht anders verdient und ergo waren sie trotzdem gut und richtig". Die Erörterung der militärischen Notwendigkeit der Angriffe erübrigt sich fast schon, ist die Frage in der Geschichtswissenschaft doch längst durch erschöpfende Studien entschieden, siehe dazu bspw. die kürzlich erschienene monumentale Studie Richard Overys über den Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg. Die großen Flächenangriffe der letzten Kriegsphase richteten sich überwiegend gegen Städte, die keine oder nur geringe Bedeutung für die Rüstungsindustrie des Dritten Reiches besaßen. Zudem funktionierten die Reste dieser Rüstungsindustrie zu diesem Zeitpunkt ohnehin kaum noch, da keine Rohstoffe mehr geliefert wurden und das Bahnnetz zusammengebrochen war - was das Resultat strategischer Punktangriffe auf Knotenpunkte und nicht wahlloser Flächenbombardements war. Da durch den Verlust der eroberten Gebiete keine Rohstoffe mehr nachgeliefert werden konnten, wurde in einer Fabrik nach der anderen die Produktion von Waffen und Munition eingestellt, und dort, wo sie noch einigermaßen lief, stapelten sie sich in den Lagerhallen, weil sie mangels funktionierender Verkehrsverbindungen nicht mehr an die Truppen weitertransportiert werden konnten. Die Sache war militärisch gelaufen und die Frage war nur noch, ob das Regime sich mit seinen schmelzenden militärischen Restkapazitäten noch ein paar Wochen mehr oder weniger halten könnte. Auch zur Brechung der deutschen Kampfmoral, die ihr erklärtes Ziel viel eher waren als direkte militärische Wirkungen, waren die Luftangriffe der vergangenen Jahre erstens bemerkenswert wirkungslos geblieben und kümmerte sich das taumelnde Regime zweitens sowieso nicht im Mindesten darum, wieviele ZivilistInnen in der Schlussphase des Krieges noch draufgingen - auch weitere zerstörte Städte und weitere zigtausende Tote bewogen Hitler, Goebbels und Co ganz sicher nicht dazu, den Krieg zu beenden, solange sie noch irgendwelche Möglichkeiten zu seiner Fortführung besaßen.

Auf dem militärischen Sinn der Angriffe beharrt die Harris-Fraktion in Diskussionen dann auch meistens nicht lange und schwenkt auf die Argumentation um "Das waren doch aber alles Nazis, also eh wurscht, auch wenn der Angriff militärisch überflüssig war". Diese Einschätzung - eh alles Nazis - beißt sich natürlich etwas mit der Tatsache, dass bei den letzten freien Wahlen 1932 knapp 50% der Dresdener Bevölkerung KPD und SPD gewählt hatte. Nun, so entgegnen die Anti-Ds diesem Einwand, die sind dann eben in den darauffolgenden Jahren alle Nazis geworden. Nüchterne Klassenanalyse, die den Nationalsozialismus als eine den Interessen des Großbürgertums dienende, vom Kleinbürgertum getragene Bewegung gegen die ArbeiterInnenklasse begreift, wird unwirsch abgetan: In NS-Deutschland gab es keine Klassen mit verschiedenen Interessen, sondern nur eine konfliktfrei zusammenarbeitende, homogene Volksgemeinschaft. Hitlers und Goebbels propagandistische Einschätzung, der Nationalsozialismus habe den Klassencharakter der Gesellschaft überwunden, ist humorigerweise nach antideutscher Einschätzung vollkommen richtig, das Dritte Reich war für Autonome und Antideutsche also WIRKLICH ein egalitäres, sozial nivellierendes Projekt, wie die NS-Spitze es präsentierte. Natürlich ist diese groteske historische Einschätzung - "im Dritten Reich gab es keine Klassenkonflikte mehr, sondern nur noch eine harmonische Volksgemeinschaft" - kein Selbstzweck, sondern soll subtil auf die Gegenwart überleiten: Die heutige Bevölkerung Deutschlands und Österreichs sind ja nur die Kinder und Enkel der ausnahmslos nationalsozialistischen Bevölkerung von früher und eigentlich auch nicht besser als diese, ergo - die Volksgemeinschaft lebt weiter und die Hauptaufgabe einer in Deutschland und Österreich tätigen Linken muss nicht darin bestehen, die Menschen für den Sozialismus zu gewinnen (Was qua ihres nationalen Volkscharakters eh unmöglich ist), sondern die einen umgebenden 99% der Bevölkerung zu bekämpfen und im Zaum zu halten. Ergo muss man konsequenterweise eine Art polizeistaatlichen aufgeklärten Absolutismus anstreben, denn die politische und ökonomische Partizipation der deutschen und österreichischen Prolet-ArierInnen kann schließlich nur in Barbarei münden. Die Strategie der autonomen Antifa, die sie umgebende Bevölkerung nicht etwa anagitieren und überzeugen zu wollen, sondern sich szeneintern durch deren schärfste Verachtung und Feindschaft zu profilieren, ist das direkte Resultat dieser Einstellung. Natürlich würden die Antideutschen und Autonomen, die i.d.R. einfach von allgemeinem Menschenhass motiviert sind und sich folglich sehr oft sehr schnell zu rabiat neoliberalen AntikommunistInnen entwickeln, anderswo auf der Welt nicht anders empfinden: Würden sie in Frankreich leben, würden sie 99% der französischen Bevölkerung verabscheuen und die praktische Revision ihres theoretischen Humanismus damit erklären, der französische Mob sei eben ein ganz besonders übler. Würden sie in Russland leben, würden sie 99% der russischen Bevölkerung verabscheuen und das mit der besonderen Verkommenheit der russischen Plebs begründen. Würden sie in den USA leben, würden sie 99% der amerikanischen Bevölkerung verabscheuen usw. Wie ja überhaupt der Grundpfeiler antideutscher Philosophie ein abstrakter Humanismus ist, eine theoretische Liebe zu einer Idealmenschheit, die es nicht gibt und niemals gab, während man 99% der einen umgebenden realen Menschheit als widerliches Spießerpack betrachtet, das nur durch die harte Hand einer aufgeklärten Elite im Zaum gehalten werden kann, um nicht seinen barbarisch rohen Trieben nachzugeben. Die rückwirkende Projektion ihres allgemeinen Menschenhasses auf eine historische Situation, in der sie den Tod von tausenden Mitgliedern der Kanaille enthusiastisch feiern können, ohne sich offen zu einer menschenverachtenden Weltanschauung bekennen zu müssen, ist kaum etwas anderes als eine bizarre Parodie auf politisch gehaltvollen sozialistischen Antifaschismus.

MarxistInnen können bei solchen peinlichen Szene-Identitätsspielchen nicht mitmachen. Wenn wir gegen den rechten Geschichtsrevisionismus auf die Straße gehen, sind wir darum noch längst nicht Bomber Harris.
20.2.15 11:45
 
Letzte Einträge: Lektürenotiz: Will Durant, "Das Zeitalter des Glaubens. Eine Kulturgeschichte des Mittelalters", Lektürenotiz: Marc Frey, "Geschichte des Vietnamkriegs", Lektürenotiz: Jacques le Goff, "Das Hochmittelalter" (Fischer Weltgeschichte Band 11), Lektürenotiz: Barbara Tuchman, "Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert", Lektürenotiz: Karl Kautsky, "Die Klassengegensätze im Zeitalter der französischen Revolution", Lektürenotiz: Paul Nolte, "Hans-Ulrich Wehler. Historiker und Zeitgenosse"


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)

 Smileys einfügen
s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung