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Lektürenotiz: Katharina von Sayn-Wittgenstein, Tagebuch 1914-19


Das Tagebuch aus den Jahren des ersten Weltkriegs und der russischen Revolution, das die bei Kriegsausbruch 17-jährige Prinzessin Katharina Sayn-Wittgenstein führte, ist ein überaus interessantes Zeitdokument für die Rezeption der Revolution aus Perspektive der russischen Aristokratie. Die Familie Sayn-Wittgenstein gehörte mit ihrem russischen Familienzweig seit dem 18. Jahrhundert zur hocharistokratischen Führungsschicht des Zarenreiches, und Katharina entstammte der letzten Generation, die noch vor der Revolution sozialisiert wurde und die typische soziale Prägung ihres Milieus zeigt: Bei Kriegsausbruch patriotische Begeisterung und sogar eine gewisse Opferbereitschaft (Katharina meldet sich noch 1914 als freiwillige Krankenschwester für ein Lazarett im Hinterland) bei im Grunde totaler Unkenntnis des wirklichen Landes, dem sie in nationalistischem Taumel zujubelt. Russland, das bedeutet für sie die paar Dutzend Aristokraten- und Großbürgerfamilien, mit denen ihre Eltern befreundet sind, während die restlichen Millionenmassen nur als malerische Kulisse oder als unterwürfiges, nettes Hauspersonal auf ihren Landsitzen in Erscheinung treten und auch mit ein paar sentimentalen Lobesworten bedacht werden, solange sie immer recht bescheiden und gehorsam auftreten. Erst als die Massen in der Februarrevolution 1917 mit Wucht auf die Bühne treten und nicht mehr gut ignoriert werden können, geruht auch Katharina, von ihnen Kenntnis zu nehmen und in ihrem Tagebuch Reflexionen über sie anzustellen, wobei anfangs Empören und Angst über die Bestialität und Unberechenbarkeit des Mobs mit seichten Erwägungen darüber abwechseln, ob ihre Klasse nicht doch auch eine gewisse Mitschuld an diesen bedauerlichen Ereignissen trage, indem sie den Pöbel auf einem so tiefen Kulturniveau habe verharren lassen.

Bald aber, mit zunehmender Intensität der revolutionären Bewegung und als der Aufstieg der Bolschewiki sich abzeichnet, verschwindet jeder Hauch einer differenzierten Sichtweise auf die Revolution und bricht bei Katharina der ungefilterte nackte Klassenhass durch, werden die revolutionären Arbeiter und Bauern auf fast jeder Seite als blutdürstiges, primitives, vertiertes Gesindel beschimpft, geführt von Anarchisten und Juden (Ein gewisser Antisemitismus wiederholt sich, besonders bei Katharinas Beschimpfungen Trotzkis) zur Zerstörung Russlands. Wie in jeder revolutionären Situation nimmt der Nationalismus der herrschenden Klasse dabei geradezu humoristische Züge an: Zwar verehrt man das Abstraktum Russland und wirft den Revolutionären gerade vor, dieses "Russland" zu zerstören, verabscheut aber gleichzeitig 90% der Bevölkerung, aus der sich dieses Russland zusammensetzt - die russische Nation wäre so eine schöne und heilige Sache, wenn nur die realen RussInnen nicht wären! Auch humorig ist dann Katharinas Begeisterung für den "Sozialisten" Kerenski, den sie bis zum Kornilow-Putsch als wahrhaft patriotischen Retter des Vaterlandes glühend verehrt und von dem sie sich erst distanziert wegen seiner mangelhaften Zusammenarbeit mit Kornilow, wo doch Kerenski hätte begreifen müssen, dass sie beide im Grunde dasselbe wollen! Allerdings führt diese Kerenski-Begeisterung Katharinas zu gewissen Konflikten innerhalb der Familie, wo sie in den Verdacht des Liberalismus gerät und als ordentlicher Mensch nur jemand gilt, der zumindest nicht wesentlich links des Zaren und der Schwarzhunderter steht. Als Zeitdokument besonders interessant sind dann die Passagen aus dem Jahr 1918, als Revolution und Krieg für die Familie Sayn-Wittgenstein, die sich aus den Hauptstädten auf ihre westukrainischen Güter zurückgezogen hat, zur sehr handgreiflichen Realität werden, sich die Herrschaft roter Garden und der neuen ukrainischen Nationalregierung abwechselt und schließlich die deutsch-österreichische Invasionsarmee das Ruder übernimmt und für eine Weile wieder die bürgerliche Ordnung herstellt - die glühenden russischen Patrioten von 1914 hoffen nun 1918, dass die Invasionstruppen der Berliner und Wiener Kaiser ihre Herrschaft in Russland befestigen mögen, um die frechen Russen zu strafen und wieder für Zucht und Ordnung zu sorgen, ganz ähnlich wie die lärmenden bürgerlichen französischen Chauvinisten von 1870 dann 1871 hofften, dass Bismarcks Invasionstruppen notfalls mit Bajonetten und Kanonen die Pariser Arbeiter züchtigen mögen. Erst als nach dem militärischen Zusammenbruch der Mittelmächte die roten Garden zurückkehren fliehen Katharina und ihre Familie über Rumänien erst in die Tschechoslowakei und später nach Wien, wo sie erst in den 1980er Jahren hochbetagt stirbt.

Das ganze Tagebuch ist ein Musterbeispiel dafür, dass persönliche Tugend oder Schlechtigkeit in der Regel kein relevantes Kriterium für die politischen Positionen ist, die ein Mensch einnimmt: Katharina, die in jeder Situation, in der sie Notleidenden in der Realität begegnet, ein wenn auch leicht herablassendes Mitleid entwickelt, die die Tugenden ihrer Haushälterin lobt und nach der Tolstoi-Lektüre konfuse Pläne von einem aufopfernden wohltätigen Leben in selbstgewählter Armut erörtert, ist persönlich kein böser oder gehässiger Mensch, und sie glaubt ehrlich, dass ihr Hass auf die revolutionäre Bewegung nicht der Angst um die ökonomische und gesellschaftliche Machtstellung ihrer Familie entspringt, sondern hehren Idealen, sie begreift wirklich nicht, dass umgekehrt diese hehren patriotischen Ideale Ausdruck der materiellen Interessen der herrschenden Klassen sind. Die ArbeiterInnenbewegung, das Leben, die Hoffnungen und Bedürfnisse der ArbeiterInnen sind ihr einfach vollkommen fremd wie eine mysteriöse Zivilisation vom Mars, ihr persönlich fällt keine Schuld dafür zu, dass sie aus ihrer ganzen Biographie heraus in der Revolution nichts anderes sehen kann als einen sinnlosen, erschreckenden Ausbruch barbarischer Zerstörungswut. Das ist, wenn man so will, die Tragik jeder Revolution: Neben der Minderheit politisch voll bewusster Konterrevolutionäre mit einer in sich geschlossenen reaktionären Ideologie wird man immer eine viel größere Zahl von ReaktionärInnen niederkämpfen müssen, die selbst gar nicht verstehen, dass sie Reaktionäre sind.

12.7.15 18:37
 
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