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Lektürenotiz: Katharina und Matthias Middell, "Babeuf - Märtyrer der Gleichheit"

In den 80er Jahren gab der DDR-Verlag "Neues Leben" eine schöne Reihe von Biographien progressiver politischer Figuren verschiedener Epochen heraus, die sich an ein breiteres historisch interessiertes Publikum richten sollten. Im Rahmen dieser Reihe erschien 1988 diese vorzügliche Babeuf-Biographie von Katharina und Matthias Middell.

Babeuf ist eine in mehrfacher Hinsicht historisch besonders interessante Gestalt. Erstens, weil sein Aufstandsversuch die letzte Zuckung der linken Opposition gegen die Thermidorbourgeoisie darstellte, nachdem im Germinal und Prairial 1795 noch zwei sansculottische Massenbewegungen besiegt worden waren (Siehe dazu auch meine Rezension von Tarles "Germinal und Prairial" ). Zweitens, weil Babeuf und seine Gesellschaft der "Gleichen" große Bedeutung für die linke Theoriegeschichte besitzen als erste explizit kommunistische und sich selbst auch als solche bezeichnende Bewegung, die versuchte, aus dem Stadium der utopistischen Träumerei zur revolutionären politischen Aktion überzugehen, wobei Babeuf inhaltlich wie methodisch teilweise schon eine erstaunliche politische Reife zeigt, die über der der kommenden utopischen Sozialisten Fourier, Saint-Simon und Owen lag und eher schon an Blanqui erinnert.

Babeufs Verschwörung lag nicht nur chronologisch am Ende der "heißen Phase" der Revolution, ehe sie im späten Direktorium und dann unter Napoleons Diktatur endgültig erstarrte, auch in seiner Person repräsentierte er quasi das letzte, proletarisch-protosozialistische Stadium, das über Robespierre und selbst Marat noch hinauswuchs. Während die führenden Köpfe der Jakobiner ausnahmslos Bourgeois waren - vor allem Anwälte, kleine und mittlere Kaufleute, gehobene Handwerksmeister usw. - die aus patriotischen Erwägungen mit den unteren Schichten sympathisierten, aber immer in einer paternalistischen Weise von oben herab, so kommt Babeuf selbst ganz von unten. 1760 als Sohn eines ehemaligen Soldaten geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, leistet er im Alter von 12-18 Jahren körperliche Schwerstarbeit beim Kanalbau in seiner picardischen Heimat, besucht niemals eine Schule und erhält auch sonst nie eine systematische Bildung, wohingegen die girondistischen wie jakobinischen Führer der ersten Phasen der Revolution überdurchschnittlich oft die Zöglinge der staatlichen Eliteinternate wie des Collége Louis le Grand waren.
Mit 18 Jahren bietet sich Babeuf ein Ausweg aus dem perspektivlosen Elend lächerlich bezahlter Knochenarbeit, und er beginnt die wahrscheinlich ungewöhnlichste Ausbildung, die man sich für einen späteren kommunistischen Revolutionär vorstellen kann: Er macht eine Lehre als Feudist. Die Feudisten waren ein Berufsstand, der vor allem in der letzten Phase des ancien régime florierte - Leute, die von Adligen engagiert wurden, wenn es um die Feststellung früherer, inzwischen vergessener Feudalrechte- und abgaben ging, die den Bauern von neuem abgepresst werden sollten mit dem Nachweis, dafür immer noch gültige alte Dokumente vorweisen zu können. Der Beruf der Feudisten bestand also darin, den Adligen juristisch haltbare Legitimationsgründe dafür zu liefern, die feudale Ausbeutung auf ihren Gütern zu verschärfen, folglich waren sie quasi Juristen, Rechtshistoriker und Feldmesser in einer Person.

Der gewissenhaft arbeitende Babeuf absolviert diese Ausbildung glänzend und kann sich bald als in der ganzen Region gefragter Feudist selbstständig machen. Aber während dieser Arbeit kommen ihm immer schwerere Zweifel an der Gerechtigkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung. GERADE durch seine Arbeit mit ihren Dienstreisen und Studien der landwirtschaftlichen Verhältnisse entwickelt er ein lebhaftes Bewusstsein einerseits des Elends der kleinbäuerlichen Massen, zweitens der durchweg räuberischen, usurpatorischen Ursprünge der adligen Privilegien. Babeuf, der nun endlich genug Zeit und Geld dazu hat, beginnt sich autodidaktisch weiterzubilden, verschlingt historische, philosophische, juristische und agrarwissenschaftliche Werke, tritt in befruchtende Korrespondenz mit Intellektuellen der Aufklärung und brütet erste utopische Entwürfe für eine brüderliche und freie Zukunftsgesellschaft aus. Sein Ausgangspunkt ist dabei Rousseau und sein "Contrat social", den er zunächst ähnlich vergöttert wie Robespierre. Aber im Gegensatz zu Robespierre und den anderen späteren rousseauistischen Jakobinern erkennt Babeuf schon vor Ausbruch der Revolution Rousseaus schwache Seiten. Erstens: Anders als Rousseau denkt Babeuf gar nicht daran, die Ursache der Ungleichheit und des Elends der Massen im Fortschreiten von Kultur und Technik zu sehen - Babeuf will nicht die Zivilisation beseitigen und ein archaisches Jäger- und Hirtenidyll errichten, sondern im Gegenteil die Annehmlichkeiten von Technik und Kultur erhalten, allen zugänglich machen und weiter ausbauen. Zweitens: Babeuf ist die rechtliche und gesellschaftliche Gleichheit nicht Zweck an sich, sondern nur Voraussetzung für die eigentlich, die MATERIELLE Gleichheit. Drittens: Babeuf kritisiert, dass Rousseau nur schöne Nebelgebilde einer besseren Gesellschaft zeichnet, ohne darüber nachzudenken, durch welches politische Handeln sie tatsächlich realisierbar sein könnte. Babeuf dagegen macht sich bald sehr konkrete Gedanken darüber, wobei - man darf nicht vergessen, dass Frankreich damals erst ganz zarte Anfänge der Industrialisierung erlebte - ihm die Aufteilung des Bodens das Ausschlaggebende schien. Der Boden und sein Ertrag sollte gleichmäßig unter alle Bürger aufgeteilt werden, allerdings schwankte er noch, ob der Boden gleichmäßig unter Einzelfamilien aufgeteilt werden oder nicht besser gleich die Familie aufgelöst und die Menschen in Agrarkommunen zusammenleben und alles gemeinsam bewirtschaften und teilen sollten.

Als 1789 die Revolution ausbrach, spielte Babeuf dabei zunächst keine prominente Rolle. Immer unterstützte er die äußerste Linke des aktuellen politischen Spektrums und übernahm kleinere revolutionäre Posten, zuerst in der Picardie, dann in Paris in der staatlichen Lebensmittelverwaltung der Jakobiner während Robespierres Diktatur. Eine Weiterentwicklung seiner Gesellschaftsutopien folgte erst während eines Gefängnisaufenthaltes, den ihm nach Robespierres Sturz seine scharfe, in einer eigenen Zeitung vertretene Kritik an der Thermidorbourgeoisie eintrug (Babeuf hatte Robespierre von links kritisiert und seinen Sturz zunächst als Chance einer freieren Entwicklung begrüßt, aber bald den durchweg rechten, antisozialen Charakter der Kräfte erkannt, die der Thermidor nach oben spülte). Im Gefängnis traf er andere Vertreter der äußersten Linken wie seinen späteren Biographen Buonarroti und Germain, mit denen das Konzept einer Geheimgesellschaft entworfen wurde, die die Thermidorbourgeoisie stürzen und eine Revolutionsregierung schaffen sollte, die aus den Fehlern der Jakobiner und der Aufstände vom Germinal und Prairial 1795 lernte. Den Hauptfehler der Jakobiner sah Babeuf ganz richtig darin, dass sie mit ihrer Fixierung auf die JURISTISCHE Gleichheit die MATERIELLE Gleichheit vernachlässigten und sich damit von den sansculottischen Massen entfremdeten. Folglich stellte er diese materielle Gleichheit ganz in den Mittelpunkt und entwarf eine kommunistische Gesellschaft, in der das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft wäre und eine staatliche Planwirtschaft dafür sorge, dass alles für die Bedürfnisse der Menschen Nötige in ausreichender Menge produziert und gleichmäßig unter alle verteilt werde - die Versorgung der gewaltigen Revolutionsarmeen mit über einer Million Mann habe schließlich bewiesen, dass eine solche staatliche Wirtschaftsplanung und Verteilung möglich sei. Allerdings, und das zeigt Babeufs bemerkenswerten Realismus, sei dieser Kommunismus ohne schweren Konflikt mit den Massen der kleinen Eigentümer nicht auf einen Schlag realisierbar, sondern brauche es zunächst ein längeres Übergangsstadium, in dem eine mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Revolutionsregierung zunächst die Einführung eines umfassenden Sozialstaates, die energische Niederwerfung aller Konterrevolutionäre und die Verstaatlichung der erstrangigen Wirtschaftsbereiche sichere, um von dieser Basis aus weiter voranzuschreiten. Die Schwäche der sansculottischen Aufstände vom Prairial und Germinal 1795 wiederum sah er ebenso richtig in deren Fehlen einer energischen Führung, und das eben solle durch die Bildung seines Revolutionskomitees verhindert werden, das den Aufstand systematisch vorbereiten und planen solle. Das führte denn auch zu einem Konflikt mit dem bisher sympathisierenden Sylvain Maréchal, dem einstigen Herausgeber der radikaldemokratischen Wochenzeitung "Révolutions de Paris", der innerhalb der Gesellschaft der Gleichen eine Linksabweichung vertrat, auf die Spontaneität der Massen vertrauen wollte, eine starke zentrale Revolutionsregierung ablehnte und das Unternehmen verließ, als Babeuf zur Verbreiterung der sozialen Basis des Aufstandes ein Bündnis mit den Resten der Jakobiner mit ihrem autoritären Politikverständnis schloss.

Die "Gesellschaft der Gleichen" entfaltete nun eine intensive propagandistische Untergrundtätigkeit, ernannte Beauftragte für jedes Pariser Arrondissement, um dort die kommunistischen Ideen zu verbreiten, potentielle Kader für die Bewegung aufzuspüren und besonders unter den ärmsten Schichten Stimmung gegen die Thermidorianer zu machen. Auch in die Armee wurden Agitatoren geschickt, für die man eigens linke, stramm antithermidorianische Soldaten anwarb, die in der Truppe die politische Gärung schüren und sie reif machen sollten, im entscheidenden Moment auf die Seite der Aufständischen überzugehen. Babeufs Kräftekalkulation war nicht verkehrt: Für einen Erfolg war es notwendig, a.) die Sympathien der proletarischen und subproletarischen Massen zu gewinnen und b.) die Loyalität der Armee zur Regierung zu erschüttern.
Zunächst ließ das Direktorium diese Aktivitäten mehr oder weniger passieren - in ihrer Schaukelpolitik zwischen links und rechts neigten die Thermidorianer nach dem royalistischen Vendemiaireaufstand der äußersten Rechten gerade eher nach links und versuchten, die Sansculotten als Stütze gegen den Royalismus auf ihre Seite zu ziehen. Ja, Barras versuchte sogar, Babeuf durch Bestechungsversuche dazu zu verleiten, seine inzwischen nicht unerhebliche Popularität unter den Armen der Hauptstadt für die Stützung der Regierung zu verwenden - immerhin säßen ja nun alle Republikaner im selben Boot bei der Abwehr der royalistischen Konterrevolution und könne man über alle ökonomischen Differenzen später diskutieren. Aber für Babeuf waren diese ökonomischen Differenzen eben kein Nebenaspekt, sondern das Zentrum jeder Politik und die Thermidorbourgeoisie genauso ein unversöhnlicher Feind wie der aristokratische Royalismus.

Als die Aufstandsplanungen schon sehr weit gediehen waren und die Spitze der "Gleichen" und der verbündeten Jakobiner schon einen Termin für das Startsignal festlegen wollten, scheiterte das Unternehmen durch Verrat: Ein Offizier namens Grisel, der sich der Gesellschaft angeschlossen hatte, um in der Armee zu agitieren, bekam kalte Füße und lief erzählfreudig zum Direktorium, das, schockiert von den Fortschritten der Verschwörung, in einer großen Polizeiaktion Babeuf und mehrere dutzend weitere Verschwörer verhaften ließ und einen Schauprozess gegen sie inszenierte, der im Frühjahr 1797 mit der Hinrichtung Babeufs und des Jakobiners Darthé endete, woran auch der gescheiterte Versuch einer Militärinsurrektion im Lager Grenelle nichts ändern konnte, und die hauptstädtischen Massen blieben ruhig und indifferent - das revolutionäre Feuer war seit Frühjahr 1795 erloschen und konnte auch von Babeuf nicht wieder entfacht werden.

10.9.15 09:04
 
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