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Lektürenotiz: Gustave Flaubert, "Bouvard und Pécuchet"

"Bouvard und Pécuchet" ist Flauberts letzter Roman, 1881 kurz nach seinem Tod als nicht mehr ganz vollendetes Fragment erschienen. Das ist zweifellos einer der sonderbarsten Romane des 19. Jahrhunderts: Die Geschichte zweier beschränkter kleinbürgerlicher Spießer, die versuchen, sich alle möglichen Gebiete der bürgerlichen Wissenschaften anzueignen und dabei einen Sisyphoskampf gegen deren Widersprüche führen im Bemühen, alle diese Widersprüche aufzulösen und endlich zur Wahrheit zu gelangen - was bei allen Wissenschaften, die sie anpacken, nur dazu führt, dass ihnen nach ein bisschen oberflächlichem Vordringen der Kopf raucht, sie die Sache frustriert als sinnlos aufgeben und zur nächsten Wissenschaft springen, bei der sie auch nicht weiter kommen. Es gibt nur eine ganz dünne Rahmenhandlung: Bouvard und Pécuchet, zwei vertrocknete, bornierte Pariser Schreiber von ebenso dürrem Intellekt wie Leben, begegnen sich eines Tages im Jahre 1838 in einer komisch wie eine sich anbahnende Liebesszene geschilderten Darstellung im Park und entdecken entzückt, im Gegenüber so recht ihren Seelenverwandten gefunden zu haben, einen genauso biederen, rechtschaffenen, pedantischen Dummkopf wie sich selbst. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als Bouvard eine unerwartete stattliche Erbschaft macht, beschließen die beiden, gemeinsam aufs Land zu ziehen und sich in ihrem neuen Heim endlich der Befriedigung ihrer geistigen Bedürfnisse zu widmen, für die sie bisher nie Zeit und Gelegenheit hatten. Die nächsten 25 Jahre sind sie nun damit beschäftigt, sich endlich das ganze von der bürgerlichen Gesellschaft anerkannte und geschätzte Wissen anzueignen, und die gallige Komik des Romans ergibt sich daraus, dass man sich nie so recht entscheiden kann, ob die Unmöglichkeit, zu einem klaren Verständnis der nacheinander abgehandelten Themengebiete zu gelangen, nun an der Dummheit der Protagonisten liegt oder an der Dummheit des Zeugs, das sie sich verbissen und erfolglos einzutrichtern versuchen ohne an der Ernsthaftigkeit und Erhabenheit ihrer selbstgesetzten grotesken Mission jemals zu zweifeln.

Flaubert hat diesen Roman nicht in einem Zug geschrieben, sondern sein halbes Leben dafür Material gesammelt. Dieser Roman, für den Flaubert 1500 Bücher aller Wissensgebiete auf der Suche nach Abstrusitäten, Dummheiten und Plattitüden durchackerte, sollte eine Art Enzyklopädie der Hohlheit, Flachheit und Beschränktheit der ganzen bürgerlichen Gesellschaft und ihrer von den Autoritäten anerkannten Wissenschaft werden. Das schmerzhafte Empfinden der Dummheit und Eitelkeit des (Klein)Bürgertums, der von ihm geschätzten Medien, Kultur und Wissenschaft und das Leiden daran ziehen sich durch Flauberts ganzes Leben - schon als Jugendlicher begann er wortgetreue Aufzeichnungen der blödesten Gespräche zu machen, deren Zeuge er wurde, ihn schmerzende dümmliche Artikel und Reklamen zu sammeln, Verzeichnisse pseudotiefsinniger hohler Redensarten und Sinnsprüche anzufertigen. Sein Ideal war es, einen Roman zu konzipieren, in dem er selbst keinen Satz mehr schreiben müsste, der eine einzige Montage aus gesammelten Zitaten wäre, eine Art hochkonzentrierte Zusammenstellung der herrschenden Dummheit. Ganz so radikal fiel "Bouvard und Pécuchet" dann doch nicht aus, doch Bouvard und Pecuchet bleiben bei ihrer Suche nach dem wahren Weltwissen die Verkörperungen des Spießertums, das umso verrückter wird, je ernsthafter es sich aufführen will, und die Charakterisierung, die Flaubert selbst von diesem Werk gab, geben einen ganz guten Eindruck von seinem Ton:
"Und all dies zu dem einzigen Zweck, auf meine Zeitgenossen den ganzen Ekel auszuspeien, den sie mir verursachen! Endlich werde ich sagen, was ich denke, werde mich von meinem Groll befreien, meinen Hass erbrechen, meine Galle auswerfen und meiner ganzen Empörung Luft machen!"

All das, was Bouvard und Pécuchet an Wissensstoff in sich hineinzupressen versuchen, scheint ganz wirkungslos an ihrem Kopf abzuprallen, aber am Ende entwickelt Flaubert eine Art Mitleid, ja Identifikation mit seinen beiden Antihelden:
"Da entwickelte sich in ihrem Geist eine bedauerliche Fähigkeit, nämlich die, die Dummheitzu sehen und nicht ertragen zu können."

Der Roman hat Züge einer grotesken Satire, ja von Slapstick, wie die beiden versuchen, ihre nichtverstandenen Wissensbrocken in stets katastrophaler Weise praktisch anzuwenden und wie die beiden Käuze schließlich von der Dorfgemeinschaft wegen Beleidigung von Gesellschaft, Anstand und Moral angegriffen werden, aber etwas Heiteres hat das alles eigentlich nicht, es ist durchtränkt von Ekel und geradezu dem Menschenhass, der bei Flaubert überhaupt oft durchscheint, wenn er das Abstoßende und Lächerliche der bürgerlichen Gesellschaft als allgemeinmenschlich, ewig und unabänderlich versteht. Das ist beklemmend und auf jeden Fall eine sehr, sehr sonderbare Lektüre.

1.3.16 16:25
 
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