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Lektürenotiz: Edmond de Goncourt, "Juliette Faustin"

Die Brüder Jules und Edmond de Goncourt waren mit ihren gemeinsam verfassten Romanen die eigentlichen Begründer des Naturalismus, der sich bemüht, mit äußerster Akribie die soziale Wirklichkeit seiner Zeit abzubilden und diese Wirklichkeit dabei nur durch möglichst präzise Abbildung des Verhaltens von Menschen und ihrer Umgebung quasi photographisch abzubilden, nicht aber durch monologisierende Wiedergabe ihrer Gedanken und Gefühle - die Psychologie der Menschen und der Charakter der Gesellschaft, in der sie sich bewegen, sollten sich von selbst aus ihren Handlungen und Gesprächen ergeben.
Dabei blieben die Goncourts teilweise noch etwas dem Roman der Romantik und des Realismus verhaftet, was sich besonders im Vergleich zu ihrem schärfsten literarischen Konkurrenten zeigt, dem jüngeren Émile Zola, der den naturalistischen Roman zur Vollendung führte und dabei ein starkes politisches Bewusstsein entwickelte. Die als hochprivilegierte Adelssprösslinge aufgewachsenen Goncourts blieben immer einem gewissen aristokratischen Ästhetizismus verhaftet, der - trotz Romanen wie der "Germinie Lacerteux" (Siehe dazu auch meine Rezension) - vor der ganz unverblümten, krassen Wiedergabe des sozialen Elends der unterbürgerlichen Schichten zurückschreckte, ebenso wie vor klaren politischen Urteilen oder auch nur der Darstellung der politischen Meinungen und Konflikte ihrer Zeit, sehr im Gegensatz zum hochpolitischen, plebejischen Autodidakten Zola.
Dieser Kontrast zum nüchternen, prosaischen Ultrarealismus Zolas ist in "Juliette Faustin" sehr deutlich, 1882 als zweiter der drei von Edmond de Goncourt nach dem Tod seines Bruders 1870 allein verfassten Romane. Dieser kleine Roman gibt einen Einblick in das Leben der Schauspielerin Juliette Faustin, die es aus niedrigen Verhältnissen geschafft hat, durch das Theater sozial aufzusteigen und in großbürgerlichen Kreisen zu verkehren, erst die Mätresse eines großen Börsenspekulanten zu werden und dann eines englischen Aristokraten. Goncourt gibt dabei schon ein realitätsnahes Bild dieses speziellen Künstlermilieus, das im 19. Jahrhundert einen ganz besonderen Charakter trug: Die aus den Unterschichten rekrutierten Schauspielerinnen und Sängerinnen der großen Theater und Varietés der Metropolen waren ja quasi das Prostituiertenreservoir der ordinären, protzenden neuen kapitalistischen Elite, die damals, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, endgültig fest im Sattel saß und ihre Herrenstellung demonstrativ zu zeigen bemüht war - ans Theater oder ins Varieté gingen in erster Linie arme junge Frauen mit niederdrückenden Familiengeschichten, die im Leben normalerweise keinerlei Perspektive hätten und darauf hofften, dass irgendein reicher Geldprotz auf sie aufmerksam werden und sie als Gegenleistung für sexuelle Gefälligkeit und für die Nutzung als Statussymbol finanziell unabhängig machen und in die bürgerliche Gesellschaft einführen würde. Aber auch diese harte soziale Wirklichkeit wird bei Goncourt noch ästhetisiert, manchmal ins fast Märchenhafte verklärt, so beim langen Landaufenthalt Juliettes mit ihrem englischen Aristokraten in malerischer Umgebung am Bodensee. Auch bleibt der Roman zeitlich merkwürdig unbestimmt, nie ist die Rede von konkreten politischen Ereignissen der Zeit, es wird nicht einmal ganz klar, ob die Handlung eigentlich noch unter dem Regime Napoleons III. oder schon in der dritten Republik spielt - undenkbar bei Zola, wo sich die Romanhandlung anhand der einfließenden politischen Ereignisse oft auf den Tag genau bestimmen lässt, wo nichts in einer vagen romantischen Unbestimmtheit bleibt. Dieses Suchen nach sprachlicher Eleganz und Ästhetisierung des doch sehr prosaischen Lebens Juliettes wirkt etwas übertrieben manieriert, das alles wirkt noch wie übriggebliebene und schlecht verdaute romantische Schlacken.
8.3.16 14:30
 
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