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Lektürenotiz: Dokumentensammelband "Die Pariser Kommune 1871"

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Dokumentensammelband "Die Pariser Kommune 1871"

Zum 100. Jubiläum der Pariser Kommune ist im dtv Verlag diese knapp 400-seitige Auswahl zeitgenössischer Dokumente zur Geschichte der Pariser Kommune erschienen: Dekrete und Wandanschläge der Kommune, Zeitungsartikel kommunenaher Zeitungen, Regierungsproklamationen der Versaillais, Memoirenauszüge, Briefe und Tagebucheintragen von AugenzeugInnen verschiedener politischer Position usw. So eine kleine Quellenedition ist gerade für deutschsprachige LeserInnen sehr nützlich, weil von der überreichlichen französischen Memoiren- Anklage- und Rechtfertigungsliteratur sowohl der Kommunarden als auch der Versaillais nur ganz wenig ins Deutsche übersetzt wurde und auch die meisten französischen Ausgaben längst nur noch antiquarisch erhältlich sind.
Diese Quellensammlung habe ich mir als Ergänzung zur großen, von mir kürzlich gelesenen und rezensierten Geschichte der Kommune des linken Journalisten und Kommunarden Lissagaray aus dem Jahr 1876 zugelegt, und der Vergleich von Lissagaray mit den Quellentexten zeigt, dass seine Darstellung schon ziemlich zuverlässig und den historischen Fakten treu ist. Dementsprechend hat die Quellenlektüre denn auch keine grundlegenden neuen Wertungen in mir hervorgerufen, sondern eher die Eindrücke der Lissagaray-Lektüre vertieft. Nur ein paar Lektürenotizen:

-Die Quellen bestätigen das sich schon beim Sozialisten Lissagaray bietende Bild, dass die Kommune trotz ihrer publizistischen Vereinnahmung durch die erste Internationale durchaus kein marxistisches oder spezifisch proletarisches Projekt war. Die in der Kommune politisch tonangebende Klasse war nicht die ArbeiterInnenschaft, sondern das jakobinische Kleinbürgertum, das die 80 Jahre zurückliegende bürgerliche Revolution bis zur Karikatur zu kopieren suchte, von der Wiedereinführung des Revolutionskalenders bis zur Einsetzung eines "Wohlfahrtsausschusses", der in den wenigen Wochen seiner Existenz nichts Sinnvolles leistete, aber die nostalgische Sehnsucht der alten Montagnards nach den Tagen Robespierres befriedigte. Entsprechend rufen die Proklamationen der Kommune denn auch stets zur Eintracht und Zusammenarbeit von ArbeiterInnen und patriotischen KleinbürgerInnen auf. Auch der fanatische Kirchen- und Pfaffenhass der Kommunarden, typisch für den Jakobinismus, aber keineswegs für die marxistische ArbeiterInnenbewegung, zeugt davon. Freilich kann man unter historisch sehr veränderten Rahmenbedingungen eine frühere Revolution bei aller dekorativen Ausstaffierung niemals wirklich kopieren und muss sie einen anderen Klasseninhalt annehmen - die Kommune mochte einen politisch noch so entschieden kleinbürgerlichen Charakter tragen, sie aktivierte dennoch das Proletariat, trieb dessen politisches Bewusstsein voran und hätte bei längerem Bestand der Kommune sicher zu einer Trennung der sozialistisch-proletarischen von den jakobinisch-kleinbürgerlichen Teilen geführt. Erste Regungen in diese Richtung gab es ja auch in der kurzen Lebenszeit der Kommune: Zum einen die Opposition einer von Frankel, Vallés und anderen Sozialisten geführten Minderheit im Rat der Kommune, die gegen das alberne Jakobinerspielen protestierte und dezidiert ökonomische Anliegen der ArbeiterInnen in den Vordergrund stellen wollte. Zweitens der ständige Zwist zwischen dem Rat der Kommune und dem Zentralkomitee der Nationalgarden. Man muss sich vergegenwärtigen, dass das Paris der Kommune quasi eine Doppelspitze mit nur sehr unklar getrennten Kompetenzbereichen besaß: Die revolutionäre Erhebung am 18. März, mit der die Kommune ins Leben trat, wurde von den Delegierten der Nationalgarden geleitet, der während der deutschen Belagerung aufgestellten Miliztruppen der Pariser Bevölkerung. Dieses Zentralkomitee der Nationalgarden ließ zwar noch im März Wahlen für einen Rat der Kommune abhalten und übertrug diesem die oberste Souveränität, löste sich aber nicht auf und trat der Kommune immer häufiger entgegen, um ihrem Dilettantismus und ihrem bedenklichen politischen Kurs zu steuern. Das Zentralkomitee stand dabei erheblich "links" der Kommune, betonte das proletarische Element gegen die kleinbürgerliche Jakobinerei der Kommune und führte in seinen Proklamationen schon eine dezidiert sozialistische Sprache. Es ist insofern missverständlich, wenn MarxistInnen die Kommune als Prototyp einer Diktatur des Proletariats bezeichnen - das war viel eher das mit der Kommune rivalisierende Zentralkomitee der Nationalgarden bzw. hätte viel eher zu so etwas werden können.

-Mit obiger Feststellung verknüpft: In den Erklärungen der Kommune und der ihr nahestehenden Zeitungen ist die soziale Frage eher zweitrangig, beschränkt sich auf einige reformistische Maßnahmen (Lohnerhöhungen, Nachtarbeitsverbote, Bildung einiger Kooperativen usw.) und ein paar vage Erklärungen über die Ungerechtigkeit der Geldmagnaten, während man das kleine und mittlere Kapital zu konstruktiver Mitarbeit aufruft und die Wiederherstellung funktionierender kapitalistischer Wirtschaftsverhältnisse nach den Kriegs- und Bürgerkriegswirren als eine der Hauptaufgaben der Kommune darstellt. Zentral ist für die Kommune, wie schon in der Lissagaray-Rezension ausgeführt, der Gedanke der Kommunalfreiheit, die Angst vor einer Wiederherstellung der Monarchie (Thiers wird von den Kommunarden in erster Linie nicht verachtet, weil er ein klassenbewusster Bourgeois ist, sondern weil sie ihn beschuldigen, kein REPUBLIKANISCHER, sondern MONARCHISTISCHER Bourgeois zu sein) sowie ein jakobinischer Nationalismus, die Entrüstung über die Kapitulation vor Deutschland und die Forderung nach Fortführung des Krieges mit letzter Kraft. Louis Rossel, im Mai 1871 militärischer Oberbefehlshaber der Kommune, hat nicht nur mit dem Sozialismus nichts am Hut, sondern ist nicht einmal ein Linker im demokratisch-kleinbürgerlichen Sinne, sondern schloss sich der Kommune ausschließlich aus Empörung über den Defätismus und die mangelnde Kampfbereitschaft der Regierung Thiers an. Für seine Karriere in der Kommune war diese eingestandene Tatsache kein Hindernis.

-Was bei Lektüre der diversen Augenzeugenberichte noch einmal sehr anschaulich wird: Dass die Kommune bei aller politischen Wirrheit und Widersprüchlichkeit doch ein Signal für die beginnenden massiven Klassenkämpfe der Moderne war, zeigt sich mehr als in ihrem konfusen politischen Programm in der Heftigkeit der Reaktionen im Bürgertum. Die Versaillais spürten sehr wohl, dass hinter der nicht gar so beängstigenden Fassade der kleinbürgerlich-"kommunalistischen" Revolution der noch unartikulierte Aufstand der politisch noch konfusen ArbeiterInnenklasse steht, die droht, am Kapitalismus nicht nur herumdoktern, sondern ihn einmal zerstören zu wollen. Nur so ist der Blutrausch der Sieger erklärbar, die Orgie der Vergeltung der Regierungstruppen und der Bourgeoisie, die in wenigen Tagen 20 000 Menschen abschlachten ließen, in Massakern, die man mit keinem Klassenkampf im Europa des 19. Jahrhunderts wirklich vergleichen kann, nicht einmal mit dem Pariser Juni 1848. Die Massenerschießungen an allem, was auch nur irgendwie "links" angehaucht wirkt, die Racheorgien der die Arbeiterviertel züchtigenden Soldateska, das Gegeifer der bürgerlichen Zeitungen, die nach immer mehr Blut und rollenden Köpfen unter den Revolutionären und ihren Sympathisanten schreien, die Massendeportationen der nicht Erschossenen - das alles trägt schon den Charakter eines Vorgeschmacks auf den Faschismus.

11.3.16 16:12
 
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