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Lektürenotiz: Palaiphatos, "Unglaubliche Geschichten"

Die Kultur des Hellenismus wird manchmal mit der Zeit der Aufklärung verglichen, und in der Tat gibt es Ähnlichkeiten: Die Verbreitung systematisch betriebener Fachwissenschaften, eine sich aus dem Bereich der Metaphysik der Ethik und Politik zuwendende Philosophie und nicht zuletzt eine sich ausbreitende Areligiosität unter Intellektuellen mit vielen Versuchen zur rationalistischen Erklärung religiöser und mythischer Vorstellungen. Dabei kommt dieser Skeptizismus oft selbst in einer geradezu komisch naiven Form daher - und ein Musterbeispiel dafür sind die "Unglaublichen Geschichten", die Palaiphatos, wohl ein Schüler des Aristoteles, im späten 4. Jahrhundert v.Chr. verfasste, also zu Beginn des hellenistischen Zeitalters.
Die "Unglaublichen Geschichten", ursprünglich fünf Bücher umfassend, von denen nur noch ein Auszug von 45 Geschichten erhalten ist, nehmen jeweils eine Geschichte der griechischen Götter- und Heldensagen unter die Lupe, legen dar, was daran nicht stimmen könne und präsentieren dann, in welchem realistischen, alltäglichen Ereignis der Kern der mythischen Verfremdung liege. Diese "Kritik" ist von einer Einfalt, die geradezu Lachreiz auslöst. Das sieht dann bspw. so aus, wenn Palaiphatos sich den Mythos von Pasiphae vorknöpft: Pasiphae soll sich laut Sage in einen Stier verliebt haben, worauf Daidalos ihr eine hohle hölzerne Kuhfigur baute, in der Pasiphae vom Stier besprungen und geschwängert wurde. Das daraus hervorgegangene Kind war der berühmte Minotauros. Sherlock Palaiphatos aber entdeckt, dass das gar nicht so passiert sein könne und liefert bestechende Beweise dafür. Erstens, ein Stierpenis und eine menschliche Vagina passten gar nicht zusammen. Zweitens, ein echter Stier würde die Holzkuh nie besprungen haben, denn Stiere besteigen keine Kuh, ohne vorher an ihren Genitalien geschnuppert und sich somit von ihrer Echtheit überzeugt zu haben. Drittens, selbst wenn Pasiphae und der Stier miteinander ein amouröses Abenteuer erlebt hätten, können sich zwei verschiedene Spezies nicht gegenseitig schwängern. Viertens, selbst wenn Pasiphae geschwängert worden wäre, könnte ein menschlicher Körper einen Embryo mit Hörnern gar nicht austragen. Schlussfolgerung: Pasiphae wurde in Wirklichkeit gar nicht von einem Stier geschwängert!
In Wirklichkeit, so Palaiphatos, war das alles nämlich so: Pasiphaes Mann Minos litt an einer Geschlechtskrankheit, die es ihm unmöglich machte, mit seiner Frau zu schlafen. Minos hatte aber einen schönen jungen Gefolgsmann namens Tauros (=Stier). Dieser Tauros verführte Pasiphae und machte ihr ein Kind. Minos aber, der nachrechnete, dass er aufgrund seiner Geschlechtskrankheit schon zu lange keinen Sex mehr mit seiner Frau gehabt hatte, um der Vater sein zu können, schickte das Kind ins Gebirge, wo es dann ein wildes Leben führte und in einer Höhle wohnte, woraus dann der Mythos von einem Stiermenschen Minotauros geworden sei.

Keine noch so raffiniert konstruierte mythische Geschichte hält dem Scharfblick des Palaiphatos stand - so räumt er auch endlich mit der Sage von Niobe auf:

"Man sagt, dass Niobe, eine lebendige Frau, am Grab ihrer Kinder zum Stein wurde. Wer immer der Überzeugung ist, dass aus einem Menschen ein Stein werden kann oder aus einem Stein ein Mensch, ist töricht. Was wahr ist, verhält sich wie folgt: Als die Kinder der Niobe gestorben waren, schuf jemand eine steinerne Statue und stellte sie beim Grab der Kinder auf. Es sagten nun die Passanten: "Eine steinerne Niobe steht beim Grab; wir haben sie selbst gesehen." Ebenso sagt man auch heute: "Beim bronzenen Herakles saß ich...", und: "Beim parischen Hermes war ich...". So also war es mit jener, und keineswegs wurde Niobe selbst versteinert!"

So war es! Damit wäre auch das geklärt.
Sehr gut gefiel mir auch die scharfe Kritik am Medeia-Mythos, die laut Sage alte Männer wieder in junge und schöne verwandelt haben soll, indem sie sie kochte. Kann gar nicht sein, erkennt Palaiphatos mit sicherem Instinkt, denn in Wirklichkeit werden Menschen, wenn man sie kocht, nicht jünger, sondern sterben. In Wirklichkeit war Medea die Erfinderin der Sauna, die erkannt habe, dass Menschen durch Dampfbäder schlanker und gesünder würden, die Saunierenden also verjüngt werden, und so kam der alberne Mythos auf, sie habe aus alten Männern durch Kochen junge gemacht.
So geht das über 45 Geschichten kreuz und quer durch die griechische Mythologie, mit einer rationalistischen "Erklärung" skurriler als die andere. Noch lustiger als das Büchlein selbst ist allerdings seine spätere Rezeptionsgeschichte: In der Spätantike nutzten christliche Autoren den Palaiphatos ernsthaft als Argumentationshilfe gegen die heidnische Religion und ihre Absurditäten - was wohl eher gegen das geistige Niveau der Spätantike als für das Buch des Palaiphatos spricht.
1.8.16 15:18
 
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